Die Occupy-Bewegung: Eine subjektive Zusammenfassung (17.10.2011)

Die folgende Zusammenfassung einiger Daten, Quellen, Videos etc. habe ich ursprünglich am 17. Oktober 2011 für meine Mama erstellt. Sie ist selbstverständlich unvollständig und subjektiv.

Worum es, meiner Meinung nach, bei der Occupy-Bewegung nicht geht:
Sozialismus/Marxismus, Marktwirtschaft abschaffen, Robin Hood-Maßnahmen (d.h. den Reichen viel wegnehmen und den Armen geben), Geld und Banken abschaffen, …

„Historie“:

  • 15. Mai 2011: Spanien – Proteste gegen Sozialabbau, Korruption in der Politik, für mehr Teilhabe etc.
    (angelehnt an das Datum wird diese Bewegung seither “Moviemento 15M“ genannt, bekannt auch unter „Demogracia Real Ya“ (Echte Demokratie jetzt) – wo auch vielfach das Motto herrührt – es gibt mittlerweile eine gleichnamige Facebook-Gruppe für Deutschland)
    Wichtige Begriffe:
    aCAMPada= offensichtlich span.? für Camping
    asamblea = „Volks“-Versammlung?
    Sapere Aude = Wage zu wissen! Bzw. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. (Motto der Aufklärung 18. + 19. Jh. – Kant und so)
  • ab September 2011 – Proteste in New York unter dem Namen „Occupy Wall Street“, bei dem Leute vor der New Yorker Stock Exchange (Börse) friedlich zusammensitzen und mit Iso-Matten, Zelten, Decken etc. auf der Straße campieren, um ihren Unmut gegenüber der Finanzwelt zu zeigen
  • 15. Oktober 2011 (15o – keine 150 sondern 15 für den 15. des Monats und o für die Abkürzung des Monats Oktober; angelehnt an die 15M-Bewegung): Weltweiter Protesttag unter dem Motto „Occupy Together“ bzw. „Occupy the World“, daran angelehnt die einzelnen Veranstaltungen wie z.B. Occupy Berlin/Occupy Reichstag; auch die Begriffe Acampada und Asamblea sowie Sapere Aude wurden übernommen z.B. von der Alex11-Bewegung (das sind die Menschen, die bereits seit Monaten versuchen auf dem Alexanderplatz in Berlin zu campen); ähnliche Aussagen wie bereits in Spanien, New York, etc.

Artikelsammlung:

  • Ein sehr schöner Artikel über die Bewegung in der Süddeutschen, wo z.B. der wichtige Satz zitiert wird:
    Wenn Dich jemand fragt, wer hinter diesem Aufruf steht, weißt du, was du antworten kannst: ‚Ich‘
    (Achtung: Da gibt es 3 Seiten. Alle sind interessant, am wichtigsten ist aber die erste.)
  • Ein weiterer Artikel mit mehr subjektiver Ausrichtung; macht aber vor allem deutlich, dass es bei den Protesten nicht nur um Banken geht
  • Ein „Manifest“ der Acampada Berlin Bewegung (Alexanderplatz-Camper)
  • Hier ein Spiegel-Artikel, den ich am 17.10. morgens gelesen habe. Und hier ein Kommentar von mir, den ich daraufhin geschrieben habe.
  • Interessant ist darüber hinaus noch ein Artikel bei Spiegel-Online, der Finanzminister Schäuble zitiert mit der Aussage >>> Wenn die Politik das Vertrauen der Menschen nicht wiedergewinnen könne, sei eine „Krise des demokratischen Systems“ möglich, sagte Schäuble. <<< Wie ich in meinem kurzen Gedankenabriss dargestellt habe, geht es aber genau darum, diese Krise des demokratischen Systems hervorzurufen (wenn sie nicht bereits da ist!), um weiterzugehen.
  • Dann gibt es noch die Geschichte mit dem „Sprecher“ der Occupy-Bewegung: Letzte Woche sollte jemand bei Maybrit Illner auftreten, dafür hatten rund 50 Leute in einem Online-Chatroom diskutiert und einen gewissen Wolfgang Siener als „Sprecher“ gewählt. Der war dann auch dort und auf einmal haben sich die Medien auf ihn gestürzt. In dem Artikel heißt es dazu, dass die Medien nach Personen dürsten – gute Medienberichterstattung funktioniert meist über Einzelpersonen, weil es dann nachvollziehbarer und spannender für andere Menschen ist. Abstrakte Themen werden über Personen dargestellt. Das ist relativ normal. Das Problem nun ist aber, dass die Bewegung keine „Führer“ möchte, keine Einzelperson, die heraussticht.
  • Das hier gibt einige Antworten und stellt dar, um was es geht, nämlich darum: Fragen stellen und im Diskurs Antworten finden!!!
  • Es ist DEINE Bewegung! Wenn du wegen eines Themas besorgt bist, dann sind wir alle deswegen besorgt, denn es ist DEINE Bewegung.
    http://www.facebook.com/event.php?eid=246588702060207

Videosammlung:

  • http://kanalb.org/clip.php?clipId=2803
    Plakate z.B. „Genug ausgelöffelt, jetzt kochen wir“ oder „I’m so angry, I made a sign“
    (Was zwar beides indirekt den Bezug herstellt zur Banken- und Finanzkrise, welche die Proteste ausgelöst hat – also z.B. dass das „einfache“ Volk sich um die Fehler der Banker kümmern muss und sie „auslöffeln“ oder eben einfach nur die Wut darauf, dass manche Menschen offensichtlich machen, was sie wollen, ohne auf andere zu achten; aber vor allem geht es darum zu zeigen: ICH bin wütend und ICH möchte mich beteiligen an dieser – unserer – Gesellschaft, ICH möchte in einer gerechten Welt leben)
    Weitere interessante Sätze aus diesem Video:

    „Ich bin hier, weil’s Spaß macht“
    „Warum darf Josef Ackermann im Kanzleramt seinen Geburtstag feiern und ich nicht?“
    „Angie komm raus, wir wollen uns vorstellen, wir sind das Volk!“ (direkt vor dem Reichstagsgebäude)
  • Hier ein Video, was auch Einblick gibt in die Art der derzeitigen „Demonstrationen“ (und was meiner Meinung nach auch bissl Einblick gibt in die Art, wie die Polizei reagiert)
  • Ein weiteres schönes Video (Vielleicht wird es ja DER Song der Bewegung ^^):
  • Zweiter Song der Bewegung?
  • Zelträumung am Samstag (15.10.2011)
  • Asamblea


Begriffe und Gebahren:

Der Begriff „Mic Check“ (ausgespr.: Maik Tschegg; ich bin mir unsicher über die genaue Bedeutung) wird von einer Person gerufen, die gern sprechen möchte. Sobald die Person spricht, wiederholen alle Umstehenden (in diesem Fall Sitzenden) das Gesagte, damit auch wirklich jeder hört, was gesagt wird. Es gibt ja keine Lautsprecher etc.

Hände in die Luft halten und schütteln (wie im Video) bedeutet Zustimmung – kennt man aus der Gebärdensprache, das signalisiert Klatschen (für Gehörlose); das vermeidet eine unnötige Lautstärke, die den Sprechenden unterbrechen könnte.

Allgemein ist zu sagen, dass alle immer wieder betonen, dass es sich hierbei um keine feste Gruppe handelt, um keine Organisation oder Institution, sondern dass sich einzelne (freie) Individuen treffen, um zu zeigen, dass sie nicht einverstanden sind mit dem „System“.
Und wichtig auch: Es geht nicht nur um Banken, auch wenn z.B. die Linkspartei das ganz stark hervorhebt und gegen die bösen Kapitalisten wettert. Dieses Denken geht nicht weit genug!

Noch ein Hinweis zu der Maske, die man vielfach sieht (weiße Maske, recht spitzes Kinn, schwarzer „Spitzbart“): Das ist die Maske aus V wie Vendetta, einem Film, bei dem sich ein einzelner Mensch durch diverse Aktionen gegen das herrschende System stellt und durch eine finale große Aktion ein Umdenken in der Gesellschaft auslöst. Vom Thema her angelehnt an George Orwells „1984“. (Was man meiner Ansicht nach gelesen haben sollte)

Aktuelle Eindrücke zur Occupy-Bewegung in Berlin (17.10.2011)

Ich war kurz am Reichstagsgebäude gewesen, um mir anzuschauen, was dort passiert, wie viele Leute dort sind, was das für Leute sind, ob ich Recht habe mit meinen Vermutungen, um was es denn eigentlich geht. Als ich dort hin kam, war es ein sehr kleiner Kreis von vielleicht 50 Leuten, die dort saßen. Ich bekam recht schnell mit, dass sie das Prinzip der Asamblea übernommen haben. Das muss wohl so etwas sein wie eine Volksversammlung. Sie diskutierten gerade darüber Arbeitsgruppen einzurichten, in denen verschiedene Themen bearbeitet werden. Eine Gruppe wollte sich wohl zusammensetzen, um über Internetsachen zu sprechen, eine Gruppe sich um konkrete Aktionen etc. kümmern, eine Gruppe darum, Forderungen anderer Asambleas anzuschauen, um herauszufinden, was auf uns zutrifft und ggf. auch ganz neue Forderungen zu formulieren. Währenddessen wurden immer wieder Einwände gebracht, neben den vielsprechenden Menschen doch auch mal andere zu Wort kommen zu lassen; statt der Arbeitsgruppen erstmal persönliche Statements aller Anwesenden zu sammeln, warum sie eigentlich hier sind. Diese Vorschläge wurden nicht aufgegriffen.

Mich hat dieses ganze Vorgehen sehr irritiert, weil es mich zu stark an die bereits bestehenden Strukturen erinnert hat (Parlament, Ausschüsse, …). Daher fragte ich im Nachhinein noch jemanden, warum man auf so etwas zurückgreift, obwohl man doch eigentlich ganz anders sein will. Er erläuterte mir, dass sowohl zur Asamblea als auch zu den Arbeitsgruppen jeder kommen und gehen kann, ohne Beschränkung, ohne dass jemand sagt, er sei nicht geeignet oder so etwas, also es keine Zugangsbeschränkungen gebe. Dabei fiel das Wort „basisdemokratisch“.

Ich möchte noch eine kurze Anekdote beschreiben: Während der Diskussion um die Arbeitsgruppen meldete sich eine junge Frau und erklärte, dass sie soeben von einem türkischen Fernsehteam, welches für mehrere türkische TV-Sender arbeitet, gefragt wurde, ob sie für ein paar Fragen zur Verfügung stehe. Sie wollte von den Anwesenden wissen, ob das ok ist, weil es ja keine Repräsentanten der Bewegung gibt, sondern jeder als Individuum hier ist. Daraufhin bekam sie die Rückmeldung, dass sie vor der Kamera als Individuum antwortet und dass keiner der Anwesenden weiß, warum SIE hier ist, sondern dass sie das nur von sich selbst sagen kann.

Und hier noch was, was irgendwie meine Meinung doch bestätigt und nochmal gut zusammenfasst:
http://the-babyshambler.com/2011/10/17/pamphlet15o/

Kommentar zur Occupy-Bewegung

Ich war noch nicht protestieren, wofür mich vermutlich alle Protestierenden verachten. Aber ich glaube, es geht bei der Bewegung – und das hat Herr Gauck einfach nicht begriffen – nicht um die Banken, sondern um Gerechtigkeit. Es geht – profan gesagt – um eine neue Weltordnung, die wir uns heute mit unserem begrenzten Blick gar nicht vorstellen können. Es geht um das, was auch schon Churchill angedeutet hat: Wir leben in der besten der schlechten staatlichen Organisationsformen (Demokratie), weil wir keine bessere kennen. Aber was spricht heute – in Zeiten der Globalisierung, Überstaatlichkeit, Mobilität, „Migration“, Welt ist ein Dorf, … – dagegen, eine ganz neue Form zu entwickeln???

Gauck nennt die Vorstellungen der Protestierenden „romantisch“. Mag sein, dass hier eine große Portion Naivität mitspielt, aber ich glaube nicht, dass die momentane Organisationsform unser aller Leben festgesetzt ist und bis ans Ende aller Tage Bestand haben wird. Dafür ist sie auch gar nicht ausgelegt.

Und es geht ja auch gar nicht darum, wirklich alles komplett über den Haufen zu werfen. Schließlich ermöglicht die Demokratie zumindest einem großen Teil der Menschen Zugang zu Bildung, Kommunikation und Wissen, (politischer und gesellschaftlicher) Teilhabe, eigenverantwortlichem (wirtschaftlichem) Handeln etc.

Nur wie dies geschieht, ist mittlerweile nicht mehr akzeptabel. Politische Teilhabe funktioniert oft nur über Parteienzugehörigkeit, eigenverantwortliches wirtschaftliches Handeln artet aus in ungemäße Bezahlung so genannter Top-Manager (Top bedeutet in diesem Fall nicht gut, sondern an der Spitze von etwas stehend) und der Zugang zu Kommunikation wird häufig beschränkt.

Ich bin nicht dagegen, dass jemand viel Geld verdient; ich finde es nur absolut inakzeptabel wie sich (manche) Personen mit viel Geld verhalten, wie sie abheben und nicht auf dem Boden bleiben.

Es ist in Ordnung, wenn jemand viel Geld hat, solange er Mensch ist und bleibt, solange er nicht nur für sich denkt, sondern die Gesellschaft einbezieht, solange er mitmenschlich und empathisch agiert.

Das, was Steve Jobs in der Welt der Kommunikation ausgelöst hat, war noch vor 15 Jahren undenkbar. Aber er hat daran geglaubt, dass es nicht unmöglich ist.

So glaube ich heute auch, dass es möglich ist, eine neue, gerechtere, menschlichere Form des Zusammenlebens zu finden und umzusetzen, an die derzeit noch niemand denkt.