Ich war dabei – Occupy!!!! (Eindrücke vom 12.11.2011)

Meine Finger und Füße tauen langsam wieder auf – eingemummelt in eine Decke und mit heißem Tee schreibe ich ALS INDIVIDUUM jetzt meine Eindrücke vom heutigen Tag auf, an dem ich nicht geschwiegen habe. Ich war mittendrin. Ich war dabei – Occupy!

Und ich erinnere mich gerade an den Moment, als mir ein Polizist ins Gesicht blickte und sagte „Ich würde jetzt lieber nach Hause gehen.“ und daraufhin seinen Helm und seinen Mundschutz aufsetzt. Da (gg. 18 Uhr) saß ich gerade im Schneidersitz direkt vor dem Brandenburger Tor in einem großen Kreis um mehrere Zelte herum, hatte mich in die Arme meiner Nachbarn eingehakt und rief gemeinsam mit allen Sätze wie „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt“ und sang immer wieder „Asamblea weltweit, Asamblea worldwide, Asamblea Asamblea Asamblea Mundial“.

Wir erinnerten uns alle gegenseitig daran, dass in den Uniformen auch Menschen stecken, riefen den Polizisten zu, dass wir sie lieben, wir riefen ihnen zu, dass wir auch für sie dort sitzen, für sie und ihre Familien, die zuhause sicher auf sie warten, dass wir auch hier sitzen für die Zukunft ihrer Kinder. Währenddessen umstellten sie unseren Kreis und präparierten sich – wie gesagt – mit Helm und Mundschutz. Dann drangen sie gemeinsam vor, rissen die Zelte aus unserer Mitte und liefen ohne zu schauen, wo sie hintraten, rückwärts wieder heraus. (Jeder kennt die schweren Stiefel der Polizei und ich muss wohl nicht betonen, dass es durchaus schmerzhaft sein kann, wenn man sitzend von so einem Stiefel in den Rücken getroffen wird. Glücklicherweise ist mir das nicht passiert, aber bei einem Sitznachbarn habe ich das beobachtet.) Während dieser Aktion war alles sehr chaotisch und auf einmal kam von der anderen Seite des Kreises Reaktionen in Form von Aufstehen und lautem Rufen („Ey, das könnt ihr nicht machen.“). Ich bekam nachher mit, dass wohl eine Mutter mit ihrem älteren Sohn verhaftet worden war – in welcher Form genau kann ich nicht sagen, ich hörte nachher nur von jemandem den Teilsatz „… wie hier auf Kinder eingeprügelt wurde….“ (Ich betone: Ich kann nicht aus eigenem Beobachten sagen, was genau da passiert ist!)

Anschließend sagte jemand durch das Human Mic – Menschliches Mikrofon in Richtung der Polizisten, die immer noch um uns herumstanden: „Diese Bewegung ist friedlich. Wir protestieren hier und dazu gehört das Zelt als Protestform. Das Zelt ist mein Protestplakat. Wenn ich demnächst meine Unterhose zum Protestplakat erkläre, nehmt ihr mir die dann auch weg!?“

Nachdem die Zelte von der Polizei geräumt waren, zogen sich die Beamten etwas zurück, aber blockierten beispielsweise das Brandenburger Tor mit einer Polizeikette. Darauf begannen wir beispielsweise zu rufen „Die Mauer muss weg“. Erinnerungen an die friedliche Revolution von 1989.

Wir erhielten durch einige Leute die Information, dass die Mutter, die mit ihrem älteren Sohn festgenommen wurde, die Polizei darum angefleht hatte, dass ihr jüngerer Sohn (10 Jahre alt) zu ihr gelassen wird. Das lehnte die Polizei mit der Begründung ab, dass sie mit ihren Kindern hier nichts zu suchen hätte und zu Hause hätte bleiben sollen. Daraufhin riefen wir ca. 2 Minuten am Stück „Lasst die Mutter frei“. Einige Leute sprachen dann durch die Gitterstäbe des Polizeiwagens mit der Mutter und vereinbarten mit ihr, dass der kleine Junge von Erwachsenen im Occupy-Camp auf dem Bundespressestrand betreut wird, bis sie freigelassen wird.

Jemand berichtete dann, dass er mitbekommen hatte, wie der Verantwortliche Polizeichef vor Ort die Zelträumung angeordnet hatte, „weil er Feierabend machen wollte“.

Wir hörten dann noch, dass die beschlagnahmten Zelte hinter den Polizeiwagen von einzelnen Polizisten mutwillig zerstört wurden: Sie lachten, während sie Zeltstange für Zeltstange zerbrachen. (Beschreibung eines Individuums, das diese Vorgehensweise beobachtet hatte)

Ich könnte noch mehr schreiben. Aber für heute genügt es erstmal. Nur noch etwas zur Polizei:

Mir wurde immer gesagt „Die Polizei – dein Freund und Helfer“. Und ich betone, dass ich jedem einzelnen Menschen, der sich entscheidet in die Polizei-Uniform zu schlüpfen, größten Respekt zolle. Ich betone, dass ich mir durchaus bewusst bin, dass diese Personen Menschen mit Gefühlen sind, Menschen, die einen Job machen, der nicht einfach ist und den ich nicht machen würde. Ich selbst wurde bisher durch keinen Polizisten verletzt, man hat mich sitzen und stehen lassen, wo ich saß und stand. Ich habe auch viele Videos gesehen, in denen die Polizei ebenso friedlich war wie die Bewegung. Aber nach dem heutigen Tag bin ich mir nicht mehr sicher, was ich persönlich von der Polizei halten soll.

Selbst wenn ich die oben beschriebenen Vorgänge (Verhaftete Mutter, Mutwillige Zeltzerstörung) nicht in meine Überlegungen einschließe, weil ich sie nur aus Hörensagen habe: In dem Moment, als mich der Polizist von oben herab anblickte und sagte, „ich würde lieber nach Hause gehen“ und seinen Helm und Mundschutz aufsetzte, da habe ich Angst in mir gespürt. Da habe ich wirklich geglaubt, dass ich gleich von dort weggerissen/weggeschleift werde. Ich habe in dem Moment nicht gewusst, was gleich mit mir geschehen würde, ob ich unverletzt bleibe. Die Aussage des Polizisten und sein Handeln wirkten so bedrohlich auf mich – das war kein gut gemeinter „väterlicher“ Rat, keine Bitte mehr, das war in meinen Augen eine Drohung. Und jetzt nachdem ich mich etwas beruhigt habe, spüre ich erst wirklich, wie groß meine Angst in dem Moment war. Angst vor einem Menschen, der eigentlich für meine Sicherheit (und für die Unversehrtheit meiner Person) zuständig ist, statt diese zu gefährden. Und ich verstehe nicht, warum ich als friedlicher, gewaltfreier Mensch, der als Individuum nur seine freie Meinung äußert, unter dieser Angst leiden muss.

Bourdieu und die Occupy-Bewegung

Vor einiger Zeit habe ich mich intensiv mit der Occupy-Bewegung befasst. Nachdem nun mein Studium mich „gezwungenermaßen“ auf den Soziologen Pierre Bourdieu gestoßen hat, habe ich mir bei youtube den Film „Soziologie ist ein Kampfsport“ über ihn angeschaut. Allgemein ist der Film sehr empfehlenswert. Aber ich habe darin etwas entdeckt, was ich für relevant halte und was – der Film erschien 2001!!! – bereits vor 10 Jahren von einigen Menschen gesehen wurde (wenn nicht sogar vor noch mehr Jahren): Wir müssen einen neuen Staat erfinden! Wir brauchen nicht mehr oder weniger Staat, nicht mehr oder weniger Regulierung – wir brauchen überhaupt keinen dieser Vergleiche mehr, sondern wir brauchen etwas ganz neues, ein neues System also.

In diesem Gespräch von Pierre Bourdieu und Günther Grass stellen die beiden fest, dass der Staat sich als fortschrittlich verkauft, obwohl er rückschrittlich ist, und die Kritik an ihm daher selbst rückwärtsgewandt wirkt. Der Staat hat es also geschafft, mit seiner eigenen Beschaffenheit den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Darüber hinaus ist es ihm gelungen, sich selbst als unabdingbar in seiner Form darzustellen, woraufhin mehr Staat statt weniger gefordert wird. In einem vor diesem Video liegenden Filmausschnitt erklärt ein Kollege/Mitarbeiter von Bourdieu, das Problem läge darin, dass der Staat alles Soziale (Bildung, Absicherung, …) so weit abgebaut habe, dass es unweigerlich zu Konsequenzen (Gewalt etc.) komme, die wiederum mehr Staat (Polizei, …) verlangten. Im Gespräch von Grass/Bourdieu wird deutlich, dass die Menschen – sogar die, die es eigentlich besser wissen – darauf hereinfallen und mehr staatliche Intervention fordern, das System also am Leben erhalten, welches sie eigentlich kritisieren. Für Grass und Bourdieu gibt es nur eine Lösung: Revolution.

Das stellt Bourdieu auch noch einmal kurz am Ende des Films heraus und forderte damit bereits vor Jahren, was jetzt passiert: OCCUPY!
Ich denke, die Idee einer sozialen Bewegung… das ist die einzige Möglichkeit! Solange Autos angezündet werden, schickt man Polizisten. Wir brauchen eine Bewegung, die auch Autos anzünden kann, aber mit einem Ziel!“ (Ab Minute 8:49 im folgenden Ausschnitt)