„Denn wir sind alle behindert.“

Ich habe heute einen wunderbaren, mich inspirierenden Menschen entdeckt: Georg Stefan Troller.

Ein Mensch, der merkwürdigerweise so viele Aspekte meines eigenen Lebens in sich bzw. in seinem Leben und in seinem Schaffen, zumindest in seinen Aussagen, vereinigt: Er ist Dokumentarfilmer, ein Interviewer, wird beschrieben als einer, der eine ganze Journalisten-Generation beeinflusst hat – ich frage mich, warum ihn niemand während meines Medienmanagement-Studiums erwähnt hat, obwohl seine Art viel menschlicher als zum Beispiel die eines Walraffs ist. Also er ist Journalist, aber einer mit durchaus ethnographischen Zügen – also mit Methoden und Arten und Weisen, die mir jetzt in meinem zweiten Studium begegnen.

Das Ethnographische entdecke ich zum Beispiel in Aussagen, die er in diversen Interviews trifft, wie z.B.

  • „Ich sage immer, dass diese Leute natürlich mit jemand anderem einen völlig anderen Film machen würden. Sie lassen sich auf mein Spiel ein, und wenn es richtig gespielt wird, spielen sie es gerne. Aber es ist eine Art Spiel, ein Dialog, ein Theaterstück, das wir da aufführen.“
  • „Ich hab oft im Knast gedreht. […] Aber das musst du den Leuten, mit denen du drehst, dann vermitteln, dass du dich nicht über sie erhaben fühlst, sondern in deinen schwachen Momenten durchaus fähig wärst, das gleiche zu tun. Gott behüte.“
  • „Dass die Menschen beginnen sich aufzuschließen, und für dich dazusein, so wie du in diesem Moment für sie da bist.

Am meisten allerdings hat mich beeindruckt, wie er über die Herangehensweise an einen Menschen spricht – das ist nicht nur journalistisch wertvoll, nicht nur ethnographisch kontextualisiert, das ist eine zutiefst humanistische Einstellung und eine Position, die ein Leitfaden für jeden einzelnen von uns sein könnte und sollte:

Denken Sie nie an den anderen Menschen als jemand Fremden, als jemand anderen, schon immer als jemand, der so ist, wie Sie, nur auf seine Art. […] den anderen für einen selber nehmen; mit seinen, mit den eigenen Problemen usw., die man selber hat und die man ganz bestimmt auch im anderen Menschen findet. Aber nie von außen an ihn ran, als wäre das bloß irgendeine Figur, die man abzupinseln hat. […] Der andere ist man selber. Das, was Sie mit ihm teilen, das ist das, wo Sie rankommen müssen. Nicht das, wo er irgendwie fremdartig oder interessant ist oder so. […]“
(Aus dem Interview „der andere ist man selber„)

Troller ist Jude, 1921 in Wien geboren. Er spricht über seine Kindheits-Erfahrungen in Wien, als ihm überall Wut und vor allem Hass entgegenschlugen, egal wo er hinging, egal wo er sich aufhielt, „[…] sodass man am Ende natürlich als Reaktion darauf zur Selbstverachtung kommen muss. Unweigerlich. Dieser Selbsthass ist ja nichts anderes als der umgestülpte Hass der Umwelt auf dich. […] Immer wieder die Verachtung der Leute zu spüren, ist schon eine ganz schöne Wunde.“

Seine Interviews, seine Arbeit, beschreibt er daher als eine Suche danach, wie man über solche Wunden hinwegkommt. Er wird in einem Interview mit einem Satz aus einem seiner Bücher konfrontiert „Ich weiß, dass ich ohne diese Filme, ein todunglücklicher Mensch wäre.“ Darauf antwortet er:
„Das stimmt. […] Es gab mir die Möglichkeit, mich selbst zu überzeugen, dass mein Leben etwas wert wäre, nachdem so viele Leute es mir gesagt haben. […]“

In seinen Worten – und besonders in seinen Taten, also seinen Arbeiten, die ich mir zu sehr geringem Teil auch angeschaut habe – ist er so sehr Künstler, obwohl er sich selbst nie so bezeichnen würde, z.B. als er danach gefragt wird, ob sein Schaffen schlichtweg aus den eigenen Wunden hervorgegangen ist. Er sagt, dass „[…] alle großen Autoren, Künstler, usw., mit denen ich mich gar nicht vergleichen will, immer aus einer Verwundung her schreiben, aus einem Gefühl des Abnorm-Seins her schreiben und die großen Werke nie aus Überfluss sondern immer aus Mangel entstehen. […] In Wirklichkeit waren da irgendwelche Wunden, die ihn dazu getrieben haben, schreiben zu müssen oder zu krepieren. Und wie überwindet man solche Wunden, wenn man Künstler ist, aber besonders wenn man keiner ist?“

Es ist, als würde er direkt zu mir sprechen, bzw. zu allen Menschen, denn ich glaube, dass sich jeder wenigstens ein Mal im Leben die Fragen stellt, die Troller in verschiedenen Interviews erwähnt, u.a. in einem Kommentar zu seinem Film über den querschnittsgelähmten Ron Kovic:
Denn wir sind alle behindert. Ich glaube, wir haben alle Behinderungen, von denen wir denken: Warum gerade ich? Warum gerade das? Wie kann ich damit überhaupt leben, wie kann ich damit fertig werden?“

Und um meinen heutige Entdeckung abzurunden, hier noch Trollers Antwort auf die Frage, was für ihn Heimat sei:

Heimat ist identisch mit Kindheit. Und das Eingewachsen sein in eine Stadt, ein Land, eine Umwelt usw. ist Heimat und der Verlust nicht wieder gut zu machen. Neue Heimaten gibt es nicht. Es gibt Länder, in denen man sich wohlfühlt. Man kann in Paris leben, kann in New York leben. Heimat ist da, wo man sprechen gelernt hat, wo man die Dinge erkennen, sehen, benennen gelernt hat. Und das passiert alles in den ersten sieben, acht Jahren Ihres Lebens. Da ist Heimat. Alles übrige ist dann nur noch ein Ort, wo man lebt.

Das sehenswerteste Interview (drei-teilig bei youtube zu finden) mit Gero von Boehm – hier nur der Link zu Teil 1:

Und hier eine seiner Arbeiten aus der Reihe „Personenbeschreibungen„, die er 20 Jahre lang für das ZDF machte: