wochenlyrik: fern, doch nah

Freunde

Ich fühle mich dir verbunden,
weil dein Verständnis tiefer geht,
als Worte es je könnten,
weil deine Augen mehr sehen in mir,
als ich selbst glaube zu sein,
weil unsere Berührungen
nicht nur Haut auf Haut sind,
sondern Herz an Herz,
Traum an Traum,
Leben an Leben,
weil wir zusammen
genauso sind
wie wir allein,
weil ein Schweigen des einen
auch den anderen verstummen lässt,
ein Lachen des einen
zum Lachen des anderen wird,
weil eine Träne von dir
auch eine von mir ist,
weil du den Plan hast,
wenn ich fahre,
dein Glas halb voll,
meines halb leer,
weil ich die Kraft bin
und du die Schwäche
und das andauernd umgekehrt;

und weil Entfernungen
daran nichts ändern.

 

                                                 
wochenlyrik
der Versuch, jede Woche ein eigenes Gedicht zu posten – alt/neu, fertig/unfertig, …

wochenlyrik: Am Rande der Stadt

Stadtrand

Ich bin das Gefühl,
das mich trägt
über Nacht,
wo der Tag schläft,
während ich auf morgen warte
und dem Sein ein Lachen abkaufe.
Ich werde eins mit dem Licht,
denn da ist nichts außer Tag
in der Dunkelheit,
vergessen am Rande der Stadt,
die über mich rollt,
als sei ich gestorben;
und sie lacht,
weil das Sein auf micht wartet,
während ich trunken vor Schlaf
in die Nacht gehe,
als sei es meine letzte.

 

                                                 
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wochenlyrik: So etwas wie Liebe

Eltern

Gedicht/Ansprache anlässlich der Silberhochzeit meiner Eltern
(aus Sicherheitsgründen
musste ich einige Zeilen in der Technik-Strophe entfernen)

Die Zeit vereint uns,
nicht die Liebe,
denn Liebe verändert sich
mit der Zeit;
sie verschwindet nicht,
sie wandelt nur ihre Gestalt.

Eine Hochzeit ist eine Entscheidung,
man sagt „ja“,
wenn man dem anderen vertraut,
wenn man ihm glaubt,
dass er mit einem zusammen wächst.
Es ist ein Bekenntnis
zu einer gemeinsamen Zeit.

Und dann kommt sie,
die Zeit,
und sie rennt,
und sie rinnt
und manchmal scheint es so,
als fresse sie die Liebe auf.
Doch stattdessen
gibt die Zeit der Liebe eine neue Form,
die sich hinter dem Alltag verbirgt.

Diese Form nennt man Gewissheit.

Es ist die Gewissheit,
dass der andere sich für einen entschieden hat,
obwohl und weil man so ist, wie man ist;
und die Gewissheit,
dass er seine Entscheidung morgen nicht revidiert;

Es ist die Gewissheit,
dass man nach Hause kommt und nicht allein ist,
dass die andere Person auf jeden Fall auch da sein wird;
die Gewissheit, dass man alles teilen kann und darf –
Glück, Freude, Ideen, Gedanken, Sorgen, Ängste.

Es ist die Gewissheit,
dass man dem anderen wichtig ist –
Warum sonst sollten wir uns wegen Kleinigkeiten streiten?
Es wäre leichter zu gehen,
aber wir haben uns für den schwierigen Weg entschieden,
weil wir uns etwas bedeuten,
in guten wie in schlechten Zeiten.
Ein „Ich liebe dich“
heißt „ich bin gewiss, du bleibst“.

Und war das bei euch nicht auch dringend nötig?
In einer Zeit, in der eine Mauer fiel,
in der ein ganzes System stürzte,
in der die Wahrheiten von gestern
plötzlich Lügen waren,
war es da nicht wunderbar,
das kleine bisschen Gewissheit zu haben,
dass der andere noch der Mensch von gestern war?

In diesen 25 Jahren,
in denen ihr zwei Mal die Währung gewechselt habt,
und ich glaube genauso oft eure Waschmaschine,
in denen ihr beide neue Berufe erlernen musstet,
weil die alten plötzlich weg waren,
war es da nicht schön,
jemanden an der Seite zu haben,
der das Gleiche erlebte,
mit dem man Entscheidungen besprechen konnte,
und der einem immer wieder das Gefühl gab,
alles wird gut?

(6 Zeilen entfernt)
Ihr habt in dieser Zeit von Lochkarten auf Disketten,
auf CD-Roms und USB-Sticks gewechselt,
und euch nach Windows, Outlook und Lotus Notes
auch auf Skype, Facebook und Whatsapp eingestellt.
In dieser Zeit,
in der sich alles so rasend schnell veränderte,
war es da nicht beruhigend,
dass eine Sache Bestand hatte,
dass ein Mensch blieb,
als andere gingen?

25 Jahre – und ich war in jedem einzelnen dabei,
mal mehr, mal weniger nah,
aber ich kann behaupten,
ich habe gesehen, wie die Zeit
aus eurer Liebe Gewissheit machte.
Eure 25 Jahre
das ist eben auch irgendwie meine Geschichte,
denn es gäb mich nicht,
wär da nicht so etwas wie Liebe.

 

                                                 
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