Uni zwingt Studierende zu ehrenamtlichem Engagement

Ich habe letztens eine Informationsveranstaltung einer gemeinnützigen Institution besucht und bei der Vorstellungsrunde der Interessenten-Gruppe etwas Interessantes aufgeschnappt: Da erklärte eine Studentin der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin), dass ihre Hochschule doch tatsächlich ehrenamtliches Engagement während des Studiums ZWINGEND vorschreibt. Sie selbst war sehr angetan von der Haltung der HWR, die sie, wie folgt, beschrieb: „Ihr bekommt etwas von der Gesellschaft, ihr dürft kostenlos studieren, also könnt ihr der Gesellschaft auch etwas zurückgeben, etwas für die Gesellschaft tun.“ (Ungefährer Wortlaut) Sie betonte auch, sie müsse eine bestimmte Stundenanzahl nachweisen.

Diese Aussagen weckten meine Aufmerksamkeit: Ein Zwang zum Ehrenamt!? Funktioniert das überhaupt? Und wie kann es sein, dass ich davon noch nie etwas gehört habe, obwohl dieser Vorstoß sicher zu einem umfangreichen Protest der Studierendenschaft geführt hätte? Oder ist das still und heimlich in die Studienordnung geschrieben worden und alle neuen Studierenden sind dann plötzlich überrascht, wenn im Lehrplan „Ehrenamtliches Engagement“ als Voraussetzung für die Teilnahme an der Abschlussprüfung auftaucht?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich bin dieser Idee nicht abgeneigt; im Gegenteil. Insbesondere Studierende sollten sich ihrer Verantwortung für die Gesellschaft während des Studiums bewusst werden, um später verantwortungsbewusst zu handeln. Letztendlich ist das auch Element des Bildungsauftrags der Hochschulen. Ehrenamtliches Engagement als vorgeschriebenes Modul und somit festen Bestandteil in den Lehrplan aufzunehmen, ist meiner Ansicht nach da nur konsequent. Ich gebe der Studentin Recht, wenn sie sagt, dass die Gesellschaft uns Bildung ermöglicht, ohne dafür bezahlen zu müssen. Die meisten von uns haben gerade in dieser Phase wenig Geld, aber meist eine hohe Motivation etwas zu lernen und etwas zu tun. Wäre es dann nicht sinnvoll, diese Motivation auch in die Gesellschaft zu investieren?

Viele Studierende engagieren sich ohnehin bereits ehrenamtlich. Dies dann im Studium mit ein paar (wenigen) Leistungspunkten anzuerkennen, tut keinem weh. Und andere, die noch nicht ehrenamtlich aktiv sind, werden dadurch vielleicht erst auf die Idee und den Geschmack gebracht, ihre Fähigkeiten für andere oder etwas Größeres einzusetzen.

Diese Gedanken erscheinen mir plausibel. Dennoch glaube ich nicht daran, dass eine Universität oder Hochschule – noch dazu in Deutschland – dies tatsächlich in ihrer Studienordnung verankern könnte. Viele hätten sich vehement geweigert, diesen „Zwang“ zu akzeptieren. Ein großer Teil der Studierenden geht einem oder sogar mehreren (kräftezehrenden) Nebenjobs nach, um sich das Studium zu finanzieren. Sie haben also ohnehin schon damit zu kämpfen, ihr Studium und ihr Leben irgendwie auf die Reihe zu bekommen. Eine Verpflichtung zum Ehrenamt wäre für diese Gruppe völlig inakzeptabel. Eine andere größere Gruppe von Studierenden leidet unter einem wirklich zeitintensiven Studium ohne Möglichkeit der Reduktion – aus persönlicher Erfahrung würde ich sagen, dass es sich hierbei vor allem um Naturwissenschaftler und Juristen handelt. Auch sie hätten lautstark gegen eine Verpflichtung zum Ehrenamt protestiert. Außerdem gibt es eine nicht allzu kleine Gruppe Studierender, die selbst auf (teilweise ehrenamtliche) Unterstützung angewiesen sind, sei es aus gesundheitlichen, familiären, sozialen oder anderen Gründen. Dann gibt es natürlich noch ein paar, die gesellschaftliches Engagement kein Stück interessiert, die einfach keine Lust dazu haben oder ihre Zeit lieber in andere – private – Aktivitäten stecken. Insgesamt würde ich behaupten, dass die Gruppe der Gegner eines solchen Vorschlags wesentlich größer ist als seine Befürworter. In keinem Fall wäre es für die Hochschule möglich gewesen, einen Zwang zum Ehrenamt durchzuboxen.

Nach ein bisschen Recherche wird auch deutlich: So wie es die Studentin dargestellt hat, entspricht es natürlich nicht der Realität. Ja, es gibt mittlerweile bundesweit Initiativen, die ehrenamtliche Tätigkeiten von Studierenden fördern möchten. Das ganze nennt sich „Service-Learning“ oder „Bildung durch Verantwortung“ und meint vor allem die Kopplung des Lernens mit dem Engagement in sozialen Projekten. Dabei geht es meiner Einschätzung nach aber leider weniger darum, Studierende für den Gedanken des Ehrenamts zu begeistern, also ihnen klar zu machen, dass man nicht für alles, was man tut, auch etwas zurückverlangen sollte, sondern sich, um des Gebens willen und weil es einfach richtig ist, zu engagieren. Beim Service-Learning geht es eben immernoch ums Lernen, also mehr darum, im Rahmen von zeitlich begrenzten Projekten diverse Kompetenzen (Methoden-, Sach-, Selbst-, Sozial- und systemische Kompetenz) der Studierenden zu schulen, also sie tatsächlich umfassend zu BILDEN. Das Ganze wird dann mit Leistungspunkten fürs Studium verwertbar gemacht, was zur Folge hat, dass die meisten Studierenden tatsächlich nur im Rahmen der für ein Modul vorgesehenen Stundenzahl gemeinnützig tätig sind.

Natürlich ist die dadurch stattfindende Unterstützung sozialer Einrichtungen und Projekte trotzdem wertvoll. Aber es ist eben nicht das, was ich erwartet habe, als die Studentin die Haltung der HWR Berlin dargestellt hat.

(Eine Anfrage an die Pressestelle der HWR Berlin zum Thema lief leider ins Leere. Ich habe bisher keine Antwort erhalten, aber werde diese nachreichen, falls sich da noch etwas tun sollte.)

Ich würde gern eure Meinung dazu wissen: Sollte es in Deutschland einen Zwang zum Ehrenamt (für Studierende) geben? Und was haltet ihr vom Ansatz des Service-Learnings?

Mehr zum Thema Service-Learning/Bildung durch Verantwortung:

Studie zum Service-Learning an der Uni Duisburg-Essen

Webseite des Hochschul-Netzwerks „Bildung durch Verantwortung“

Webseite des Netzwerks „Lernen durch Engagement“ (Service-Learning bei Schülern/an Schulen)

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