Du hast Angst? Ich auch.

(Für alle, die nicht so viel Text lesen wollen, gibt es am Ende eine kurze Zusammenfassung in Form eines Bildes.)

 


 

Guten Tag,
wir müssen reden.

Du hast Angst davor, dass deinen Liebsten etwas Schlimmes zustößt, dass (Ehe)PartnerIn, Kinder, Verwandte, Freunde, Nachbarn, Bekannte verletzt werden (körperlich und/oder seelisch) oder Schlimmeres. Du machst dir Sorgen darum, dass du vielleicht mal nicht genug Geld hast, um dein Haus zu unterhalten oder in deiner langjährigen Wohnung zu bleiben, um dich und deine Familie anständig zu ernähren bzw. das kaufen zu können, was man zum Leben eben braucht. Du befürchtest in dieser Beziehung auch, im Alter nicht genügend Geld zur Verfügung zu haben. Du hast Angst, arm zu sein oder zu werden, Angst, nicht abgesichert zu sein und in prekären (ärmlichen) Verhältnissen leben zu müssen, in einer „Bruchbude“ und ohne ausreichende Heizung beispielsweise. Du befürchtest außerdem, dass du deinen Job, den du gerade hast, verlieren könntest, oder dass du erst gar keinen bekommst bzw. nach dem Verlust keinen wieder bekommen wirst. Und du befürchtest, dass du vielleicht als etwas arbeiten musst, etwas tun musst, was du gar nicht möchtest. Du machst dir Sorgen über die wachsende Ungerechtigkeit in deinem Umfeld oder in ‚deinem‘ Land. Und du bist ein bisschen wütend, dass deine Leistungen oder die von anderen Menschen, die du kennst, nicht ausreichend anerkannt und gewürdigt werden.

Das verstehe ich. Und ich sage das nicht nur so daher, ich tue es wirklich. Denn diese Sorgen kann ich teilen. Es sind Grundbedürfnisse eines Menschen1: ein Dach über dem Kopf haben zu wollen, nicht Hunger leiden zu müssen, in Sicherheit leben zu wollen – sowohl materiell als auch physisch, nicht von anderen Menschen abgeschnitten zu sein, sich selbst verwirklichen zu können. Auf viele dieser Dinge hat man sogar ein Recht.2

Also, ich habe Verständnis für deine Sorgen und ich höre dir auch zu, wenn du sie mir mitteilst.

Ängste & Probleme existieren länger als der Flüchtlingsstrom

Nachdem du diese Ängste und Befürchtungen geäußert hast, kommen jetzt aber auf einmal andere Menschen daher und bezeichnen dich als Nazi. Das kannst du gar nicht verstehen, weil das eine doch mit dem anderen gar nichts zu tun hat. Und da hast du vollkommen Recht. Es gibt keine Verbindung zwischen den oben genannten Sorgen und der Eigenschaft ein Nazi zu sein. Trotzdem wirst du dauernd so betitelt. Wie kommt das!? Lass mich dir helfen das zu verstehen.

Das Problem entsteht in dem Moment, in dem du deine oben genannten Sorgen in eine Beziehung mit einer ganzen Menschengruppe setzt – in diesem Fall: Ausländer, Flüchtlinge, Asylbewerber. Doch deine Ängste haben nichts mit diesen Menschen zu tun! Lass mich dir das bitte erklären.

Das Gefühl, Angst um deine Liebsten zu haben, ist nicht erst gestern entstanden. Du hast es schon seeeeehr, seeeeehr lange. Meine Eltern haben beispielsweise Angst um mich, seit ich geboren wurde, und das wird immer so bleiben – ganz unabhängig von der politischen oder gesellschaftlichen Situation. Wenn du also jetzt behauptest, du hättest jetzt auf einmal ganz plötzlich Angst um deine Liebsten – tut mir leid, das glaube ich dir nicht. Du hast dir immer schon Sorgen um sie gemacht. Und das weißt du auch. Gleiches gilt für all die anderen Ängste, die oben aufgezählt sind. Sie sind nicht erst entstanden, als der Flüchtlingsstrom immer größer wurde. Du hast sie schon viel länger – seit wann genau ist sicher individuell und auch abhängig von der Kategorie (Essen war sicher früher dran, als einen Job zu haben), aber „Kindheit“ trifft es wohl.

Hinzu kommt, dass auch die politischen oder gesellschaftlichen Probleme, auf die du dich mit deinen Sorgen (und in deinen Facebookposts) beziehst, nicht erst gestern entstanden sind und auch nicht erst, seit vermehrt Flüchtlinge zu uns kommen. Keinen Job zu haben oder zu bekommen – das ist schon lange ein heiß diskutiertes Thema in der Gesellschaft und es ist unabhängig davon, wieviele Menschen in Deutschland leben. Da gibt es beispielsweise die Problematik, dass immer mehr Jobs automatisiert werden – das bedeutet einfach ausgedrückt, dass die Arbeitskraft von Menschen durch die von Maschinen und Computern ersetzt wird. Das ist eine Entwicklung, die ich schon in anderen Zusammenhängen aufgegriffen habe (bitte informiere dich z. B. hier). Das ist und sollte keine aufzuhaltende Entwicklung sein, sondern es ist einfach ein zwangsläufiger Prozess, der so auch beabsichtigt war: Wirtschaft soll den Menschen frei von Erwerbsarbeit machen. Ein weiterer Aspekt der Job-Thematik ist die Landflucht – Menschen, insbesondere die jungen, verlassen ihre Heimat in ländlichen Regionen, um in den Städten Jobs zu finden bzw. weil sie dort insgesamt für ihr Leben mehr Möglichkeiten sehen. Die Perspektivlosigkeit auf dem Land ist – wenn ich mich recht entsinne – bereits ein Problem seit den 1960er Jahren und im Osten Deutschlands insbesondere seit der Wendezeit. Und dann kommt noch die Qualifikationsfrage ins Spiel: Wieso schafft es unser Bildungssystem nicht, alle Menschen (sowohl die jungen in Schule+Ausbildung, als auch ältere durch entsprechende Weiterbildungen) gut auszubilden, damit sie überhaupt die Chance haben, entsprechende Jobs auszuüben?

Kopplung von Ängsten mit Ausländern: Auf einmal bedrohen Flüchtlinge deine Familie

Wie gesagt: All diese Aspekte, Fragen und Probleme existieren schon sehr viel länger als der aktuelle rasant angestiegene und ansteigende Flüchtlingsstrom. Und obwohl es nur ein Beispiel ist, bitte glaube mir: es trifft auch auf all deine anderen Ängste und Sorgen zu. Ich hoffe, du konntest mir bis hierhin folgen und siehst ein, dass sowohl deine Ängste als auch die damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme schon sehr lange vorhanden sind.

Also, es gibt auf der einen Seite deine Ängste, die schon lange da sind, sowie die gesellschaftlichen Probleme, die auch schon lange da sind. Und dann gibt es auf der anderen Seite Ausländer, Flüchtlinge und Asylbewerber. Und in deinem Kopf – frag mich nicht wie – passiert jetzt folgendes: Du schmeißt beide Sachen in einen Topf. Auf einmal bedrohen die Flüchtlinge deine Familie, nehmen Ausländer dir deinen Job weg, kriegen Asylbewerber Geld, das deiner Meinung nach du selbst oder jemand, den du kennst, eher bekommen sollte. Diese Schlussfolgerung kommt vermutlich zustande, weil die Menschen, die da zu uns kommen, dir auch Angst machen, weil du sie nicht kennst, weil sie dir fremd sind. Und weil dir das Angst macht, ruft dein Gehirn all die anderen Ängste ab, die du bereits lange in dir trägst, und verbindet sie zu einem einzigen großen Gefühl: Angst vor Ausländern. Und weil alle Ängste jetzt gekoppelt sind, siehst du auf einmal auch eine Kopplung zwischen den gesellschaftlichen Problemen und den Flüchtlingen.

Auch wenn ich finde, dass du dir diese Mechanismen mal bewusst machen solltest und lernen solltest, die einzelnen Gefühle auseinanderzuhalten, ist diese Kopplung immer noch nicht das größte Problem und auch nicht der Grund, warum du als Nazi bezeichnet wirst. Die Begründung liegt erst im nächsten Schritt.

Problem: Du äußerst dich zum Thema und nennst es Meinung

In deinem Kopf hat also eine Kopplung stattgefunden zwischen Ausländern und den gesellschaftlichen Problemen, die du wahrnimmst, sowie zwischen Flüchtlingen und deinen Grundängsten. Was du jetzt machst, ist: Du äußerst dich zum Thema Flüchtlinge – gegenüber Freunden, Verwandten, Bekannten UND noch wichtiger: über Facebook. Und statt sachlich darüber zu sprechen – beispielsweise durch Abwägen vieler verschiedener Argumente, Aspekte der einen UND der anderen Seite etc. – oder indem du schlichtweg sagst, dass dir das Angst macht (einfach nur „Ich habe Angst“) – ohne im selben Atemzug zu fordern, dass ‚die‘ kein Geld bekommen oder sogar wieder weggeschickt werden sollen oder dass man sich gegen ‚die‘ wehren sollte -, postest du aufgebracht sehr vereinfachende Parolen oder regst dich in deinem Freundes- und Bekanntenkreis über DIE Flüchtlinge auf. Das, was du da tust, nennt man Polemik3. Du verbreitest Gedanken, die einen feindseligen, angreifenden Charakter haben, ohne sie mit sachlichen Argumenten zu untermauern.

Und was noch schlimmer ist: Du nennst es ‚Meinung‘ und empörst dich, dass man diese ja wohl noch sagen dürfe. Lass mich aber eins klar stellen – und bitte erlaube mir dann auch, es zu erklären: Das, was du da äußerst, ist keine Meinung. Es sind lediglich Gefühle und Gedanken, die du zum Ausdruck bringst. Du hast Angst und weil du vielleicht nie gelernt hast, darüber direkt zu sprechen, wirst du wütend und ziehst irgendwelche gerade für dich greifbaren Anhaltspunkte für deine Angst heran (und vielleicht auch um von deiner Angst abzulenken – dich selbst und die anderen) und forderst, das irgendjemand etwas gegen DIE unternimmt – mit DIE meinst du aber nicht deine Angst, sondern andere Menschen, in diesem Fall Flüchtlinge. Du fragst dich innerlich, ob es eigentlich gerecht ist, dass Leute von woanders, die noch nichts für dich getan haben, ‚dein‘ Geld bekommen, deine Eltern, die schon Rentner sind, aber ‚zu wenig‘ davon haben. Und statt diese Überlegung zu überprüfen, indem du dich darüber informierst, warum deine Eltern wieviel Geld erhalten – und das dann ggf. zu kritisieren und zwar dort, wo das Problem entsteht (in UNSERER Politik, bei UNSEREN Behörden) -, dich informierst, was Flüchtlinge erhalten, wieviel Geld für andere Sachen ausgegeben wird etc., ja stattdessen äußerst du einfach nur diesen Gedanken ohne einen einzigen Beleg dafür anführen zu können. Du GLAUBST, dass die Zusammenhänge, die du siehst, so existieren, und behauptest, das entspreche DER Wahrheit, die du ja nur äußerst. (Kurze Anmerkung: „DIE“ Wahrheit existiert nicht, sie ist ebenfalls subjektiv.)

Du fühlst dich dazu ermutigt, diese auf ein Minimum reduzierten Gedanken mitzuteilen, weil die Menschen in deinem Umfeld das ähnlich sehen wie du und weil andere bei Facebook ja auch solche Gedanken äußern. Und du fühlst dich anschließend bestätigt, weil dieselben Menschen dir dann auf die Schulter klopfen. So entsteht bei dir aus dem einen Gefühl – Angst – ein weiteres Gefühl, nämlich, dass deine Perspektive generell ‚richtig‘ ist. Und weil deine Gedanken ja richtig sind, fängst du an, sie weiterzuverbreiten – dumpf und ohne schlechtes Gewissen (ACHTUNG: ‚dumpf‘, also ohne nachzudenken, nicht ‚dumm‘ = mangelnde Intelligenz). Dadurch verbreitest du nicht nur von anderen vorgegebene Parolen, statt wirklich eigene Gedanken zu formulieren. Du bestätigst auch wiederum andere in ihren den deinen nicht unähnlichen Ansichten; die bestätigen dann wieder dich usw. – ein Teufelskreis, aus dem du und dein Umfeld nicht wieder rauskommen, weil die Fähigkeit und die Bereitschaft, andere Perspektiven wahrzunehmen, durch eure Angst und eure gegenseitigen Bestätigungen immer weiter abnehmen.

Einseitige Quellennutzung

Zudem ziehen du und dein Umfeld natürlich auch nur die Quellen heran, die eure Gefühle auch bestätigen. Das sind hauptsächlich Webseiten, die nachweislich rechts sind oder zumindest bekannte Verschwörungstheorieseiten. Dazu gehören alle Webseiten von NPD-Landes- oder Kreisverbänden sowie Nachrichtenseiten wie PI-News4, KOPP-Nachrichten5 und MMnews6. Entsprechende Links mit einer Erläuterung finden sich in den Fußnoten. Eine weitere Auflistung rechter Webseiten gibt es beispielsweise hier. Natürlich existieren auch bei Facebook diverse Seiten, die rechts bzw. rassistisch motiviert sind, wie z. B. alle Pegida-Gruppen oder die Seite „Aufwachen Deutschland“ und alle Seiten mit einem Namen wie „Stadt XY wehrt sich“.7 Immer, wenn du entsprechende Beiträge solcher Seiten teilst, musst du dich nicht wundern, als Nazi abgestempelt zu werden.

Hinzu kommt, dass du eben auch keine anderen Quellen nutzt bzw. zumindest nichts anderes dergleichen teilst. Bei Facebook teilst du so natürlich auch nur Beiträge, die von Gewalttaten durch Flüchtlinge handeln, von Übergriffen auf ‚deutsche‘ Frauen und Mädchen durch Flüchtlinge, von Unruhen in Zeltstädten, usw. Und dann stellst du es so hin, als sei das überall und permanent so und als würden alle Flüchtlinge gewalttätig sein. Du teilst aber keine Beiträge und Videos und Fotos, in denen beispielsweise das friedliche Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und ‚Einheimischen‘ gezeigt wird, du teilst nichts, wo gezeigt wird, wie hilfsbereit und freundlich und bemüht Flüchtlinge sind, du teilst nichts, wo man sehen kann, unter welchen oft miserablen Bedingungen Flüchtlinge leben müssen etc. Lass dir eines sagen: Für jeden Beitrag, den du teilst und der von ’schlimmen‘ Dingen handelt, die Flüchtlinge hier machen, kann ich dir mindestens einen Beitrag zeigen, der das genaue Gegenteil aussagt.

Der Grund, warum du als Nazi bezeichnet wirst, ist nicht, weil du Kritik äußerst oder weil dir Berichte über Gewalttaten von Flüchtlingen Angst machen. Es ist deine Einseitigkeit, die dich dazu macht: dein einseitiges Vorgehen, nur Negatives über Flüchtlinge zu teilen, statt dich auch über funktionierende und positive Erlebnisse zu informieren; und dein einseitiger Blickwinkel, nur Gewalttaten von Flüchtlingen zu sehen, statt auch Gewalttaten anderer Gruppen (z. B. Rechtsextremer) zu berücksichtigen.8 Deine Angst macht dich einfach blind für andere Perspektiven. Und dadurch wirst du leider fremdenfeindlich, was eigentlich damit gemeint ist, wenn man dich als Nazi bezeichnet. (Kurze Anmerkung: Fremdenfeindlichkeit – die heute als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezeichnet wird – ist schlecht.)

Und dann kommt noch hinzu, dass du durch die Weiterverbreitung von Parolen, Bildern und Artikeln anderer ähnlich wie du Denkender leider auch Menschen unterstützt, die weniger gemäßigte Ansichten haben als du. Die es beispielsweise oke finden, nicht nur bei Facebook diese Parolen zu äußern, sondern auch zu den Flüchtlingen hinzufahren und sie ihnen ins Gesicht zu brüllen. Oder die es beispielsweise gut finden, statt zu demonstrieren, lieber gleich Steine zu werfen, Brände zu legen und Menschen anzugreifen, kurzum: gewalttätig zu werden. Eigentlich etwas, GEGEN das du doch eigentlich bist, oder? Du bist ja schließlich kein Nazi.

Zusammenfassung

Was ich dir ganz einfach sagen möchte, ist: Wenn du eine Meinung haben möchtest – und vor allem eine so feindliche Meinung -, dann solltest du dich umfassend informieren. Du solltest sie begründen können. Und zwar nicht mit den oben genannten Quellen. Du solltest Quellen unterschiedlicher Seiten in deine Überlegungen einbeziehen, du solltest recherchieren und Fragen stellen usw. Und am besten solltest du dich auch vor Ort informieren, dir die Situation anschauen, mit den betreffenden Personen sprechen (Flüchtlinge, Nichtregierungsorganisationen, Polizei, …). Du solltest ausgewogen über die Situation informiert sein und ausgewogen Beiträge teilen. Wenn du das alles nämlich tust, wirst du irgendwann feststellen, dass es DIE Wahrheit nicht gibt und dass das Leben und unsere Welt und damit auch jede Situation, über die du urteilen zu können glaubst, unendlich viel komplizierter sind als diese von dir verbreiteten absolut vereinfachenden Parolen. Wenn du nur eine Sache aus diesem Text mitnimmst, dann bitte folgende: Die Welt ist nicht so einfach, wie du sie siehst. Aus diesem Grund fällt es mir nämlich so schwer überhaupt eine Meinung zu haben, weil jedes mal, wenn ich glaube etwas verstanden, etwas erkannt und etwas durchschaut zu haben, jemand anderes kommt und mir noch eine weitere Perspektive schildert, von der ich bisher nichts wusste. Und auf einmal muss ich meine Meinung wieder hinterfragen. Machst du das eigentlich? Hinterfragst du deine ‚Meinung‘? Schaust du dir andere Quellen an, um besser zu verstehen, was passiert? Fragst du Menschen, die nicht genau wie du sind und denken, wie sie die Situation sehen und einschätzen? Das wäre nämlich wichtig, damit aus deinem Gefühl tatsächlich eine Meinung wird.

Ich fasse zusammen: Ich verstehe deine Ängste und ich unterstütze es, wenn du sie äußerst. Ich verstehe, dass dir die gesellschaftlichen Probleme Sorgen bereiten und dass du diese gern offen kritisieren möchtest. Ich unterstütze das. Was ich aber nicht unterstütze, ist dein Bedürfnis, die ‚Schuldigen‘ deiner Ängste und unserer gesellschaftlichen Probleme in einer ganzen Menschengruppe – in diesem Fall Ausländer, Flüchtlinge, Asylbewerber – zu suchen, die für beides KEINE Verantwortung tragen. Ich hoffe, du hast inzwischen eingesehen, dass sie nichts dafür können, dass du Angst hast – dieses Gefühl entsteht in dir selbst – oder dafür, dass unsere Politik Scheiße baut – du hast, in irgendeiner Weise, diese Politiker gewählt oder zumindest nichts dafür getan, dass sie ihren Job ordentlich machen.

Bitte versteh mich nicht falsch: ICH bezeichne dich nicht und werde dich nicht als Nazi bezeichnen – es sei denn, du bist Mitglied einer rechten Organisation oder ein gewalttätiger Mensch mit entsprechender rechter Gesinnung. Ich werde dich nicht als Nazi bezeichnen, wenn du entsprechende Parolen auf Facebook teilst oder wenn ich im persönlichen Gespräch entsprechende Äußerungen von dir höre. Du bist einfach nur ein Mensch, der Angst hat. Und daran ist nichts verwerfliches. All die Menschen, die dich als Nazi bezeichnen, weil du in ihren Augen fremdenfeindlich bist, die dich aus ihrer Freundesliste löschen, weil sie glauben, dir so zu zeigen, dass du ‚falsch‘ liegst, die dich beleidigen, usw. All diese Menschen gestehen dir nämlich nicht das zu, was sie andersherum von dir für die Flüchtlinge verlangen: Respekt, Verständnis, Menschlichkeit. Sie vergessen außerdem, dass du durch ihre Aktionen nicht zu mehr Verständnis und Einsicht gelangst, sondern dass du lediglich weiter in die Defensive getrieben und dadurch eher noch wütender wirst, weil dich „niemand zu verstehen scheint“. Man kann dir deine Angst nicht nehmen – schon gar nicht dadurch, dass man sich von dir abwendet.

Im Übrigen ist das hier auch ein interessantes Phänomen: Du musst nämlich auf einmal feststellen, dass du selbst zu einer Gruppe von Menschen gehörst, die offenbar in unserer Gesellschaft nicht erwünscht ist. Und aufgrund dieser Zugehörigkeit zu dieser Gruppe wirst du beschimpft und angegriffen und man gesteht dir nicht das Recht zu, deine Gedanken zu äußern, man fordert sogar, dass DU besser hier verschwinden solltest, wenn du so ein Unmensch bist und keine Flüchtlinge hier haben willst. Ich weiß, all das ist von mir jetzt auch ziemlich vereinfacht worden: Aber fühlt sich scheiße an, oder? Und kommt dir das nicht bekannt vor? Das, was dir hier selbst widerfährt, wenn man dich als Nazi bezeichnet, das machst du umgekehrt mit Ausländern und Flüchtlingen.

Wie gesagt, in meinen Augen bist du kein Nazi. Und all die Menschen, die dich einfach so bezeichnen und sich über dich aufregen, pauschalisieren genau so, wie du es umgekehrt mit Ausländern tust. Pauschalisieren bedeutet, alles und jeden in einen Topf zu werfen, obwohl es Unterschiede gibt und die Situation viel komplexer ist.

Es ist ein langer Text geworden, der aber immer noch nicht lang genug ist – es gibt so viele Aspekte, die ich auslassen musste oder die ich schlichtweg vergessen habe, zu berücksichtigen. Auch hieran erkennst du wieder: Die Situation ist nicht so einfach, wie du denkst. Ich habe noch eine Bitte an dich: Ich habe dir zugehört, als du deine Ängste geschildert hast. Wärst du jetzt auch so freundlich, dir meine Ängste anzuhören?

Bitte hör dir noch meine Ängste an

Dazu möchte ich dir kurz beschreiben, wie die gesellschaftliche Situation aus meinem Blickwinkel aussieht.

Die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer. Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Ungerechtigkeit zunimmt oder fühlen sich selbst benachteiligt oder ungerecht behandelt. Wir haben eine schwache Regierung, die keine Lösungen für die drängenden Probleme unserer Zeit findet. Regierungschef ist ein Mensch, der einerseits hart bleibt und andererseits sehr schwammig ist, sich nicht festlegt, sich nicht äußert, keine Entscheidungen trifft. Außerdem haben wir einen Bundespräsidenten, der zwar vielleicht etwas zu sagen hat, aber der nicht gehört wird. Die politische Landschaft ist extrem zersplittert: Bei der letzten Bundestagswahl haben mehr Menschen andere Parteien gewählt als die CDU, obwohl diese jetzt den Regierungschef stellt. Die Stimmen verteilten sich auf viele kleinere, aber programmatisch ähnliche Parteien, die leider keine Einigung erzielen, obwohl sie gemeinsame Grundlagen haben. Hinzu kommt, dass rechte Parteien und Gruppierungen an Zustimmung gewinnen. Anhänger rechter und linker Gruppierungen bekämpfen sich auf den Straßen durch Demonstrationen und teilweise durch Gewalt. In manchen Gegenden schaut die Polizei bei rechter Gewalt weg, in anderen Gegenden ist sie machtlos gegen jede Art von politisch motivierter Gewalt.

Diese Darstellung – wenn auch sehr verknappt – erinnert mich an die Situation in der Weimarer Republik vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wie sie uns im Geschichtsunterricht dargelegt wurde. Das einzige, was sich unterscheidet, ist, dass die politische Zersplitterung so nicht im Parlament stattfindet, weshalb es nicht zu exakt demselben Problem kommen wird, dass keine tragfähigen Koalitionen zustanden kommen. Aber insgesamt fühle ich mich bei der aktuellen gesellschaftlichen Situation eben an das erinnert, was wir im Geschichtsunterricht über das Ende der Weimarer Republik gelernt haben.

Schon allein deshalb beschleicht mich ein ungutes Gefühl, wenn ich dann solche Parolen lese, wie du sie postest (in Klammern dahinter steht jeweils, was es vor Beginn der Nazi-Zeit war):

  • Parolen, in denen du Flüchtlingen die Schuld gibst, warum nicht genug Geld für die Menschen in Deutschland zur Verfügung steht, und dass DIE ‚uns‘ eben was wegnehmen (Nazi-Zeit: Juden)
  • Beiträge, in denen du gegen Griechen und andere Ausländer wetterst, weil wir für ‚die‘ zahlen müssen und das überhaupt nicht in unserer Verantwortung liegt und das sowieso ungerecht ist (Nazi-Zeit: Versailler Vertrag)
  • Verdächtigungen gegenüber Politik und Medien, „etwas zu verschweigen“, Bürger nicht umfassend zu informieren, zu lügen etc. (Nazi-Zeit: Zweifel am erst seit kurzem bestehenden parlamentarisch-demokratischen Staat)
  • Einstellung „früher war alles besser“ und Forderungen nach Wiederherstellung einer entsprechenden Situation, die in der Erinnerung als ‚besser‘ bewertet ist (Nazi-Zeit: gleich)
  • Ressentiments gegenüber jedem, der anders ist als man selbst (Nazi-Zeit: gleich)

Fällt dir die Ähnlichkeit nicht auch auf!?

Und dann kommt eben noch die Gewalt hinzu. Da sehe ich beispielsweise eine Dokumentation im Fernsehen über Hooligans und deren Gewaltausbrüche unvorstellbaren Ausmaßes, von denen jeder erfasst wird – egal welcher Herkunft oder Hautfarbe oder Religion…. im Übrigen Gewalt durch ‚Deutsche‘ gegen ‚Deutsche‘! Es schüttelt mich regelrecht bei diesem Anblick. Und in derselben Doku wird darauf eingegangen, dass es beispielsweise auch in Dresden eine solche Szene gibt, aus der sogar – im Zuge der Demonstrationen gegen Flüchtlinge und Ausländer – eine ‚Miliz‘ innerhalb von Pegida entstanden ist – diese sei, laut dem Kommentator der Dokumentation, bisher noch nicht öffentlich in Erscheinung getreten, aber man (Pegida) wisse, dass man sich ihrer bedienen könne, wenn das notwendig werden sollte. Eine Miliz!? Das klingt verdammt nach der SA9.

Und dann sehe ich diese Aufnahmen aus Heidenau. In dem Video ist nicht nur die allgemeine Situation mit umherziehenden, grölenden und randalierenden Gruppen beängstigend, sondern insbesondere die Szene, in der zwei Polizisten angegriffen werden. Wenn ich solche Bilder sehe, dann macht mir das extrem Angst. Es macht mir nicht nur Angst, weil es dort zu Gewalt kommt, sondern weil mich die allgemeine Situation und diese Szenen eben so stark an die Nazi-Zeit erinnern. Und es macht mir Angst, weil ich leider befürchten muss, irgendwann selbst angegriffen zu werden, weil ich vielleicht in einer entsprechenden Situation äußere, dass ich nicht deren Meinung bin. Ich hoffe, du hast im Geschichtsunterricht aufgepasst und dort auch gelernt, dass – egal in welchem System – die Gewalt gegen die ursprünglichen ‚Feinde‘ auch immer in Gewalt gegen andere umschlägt. Es wird nicht bei der Gewalt gegen Flüchtlinge bleiben, sie (Nazis) werden auch Menschen attackieren, die du eigentlich zu schützen versuchst: Bekannte, Freunde, Nachbarn, ….

Und wenn du bei Facebook wieder so einen Beitrag, ein Foto, ein Video, eine Parole teilst, dann sollte dir klar sein, dass du diese Entwicklung unterstützt. Denn du bist zwar kein Nazi, aber du positionierst dich auch nicht gegen sie, du stimmst ihnen in ihrer einseitigen Sichtweise der Situation zu, du denkst nicht selbst nach, sondern lässt dich von anderen manipulieren. Und weißt du, was das bedeutet? Du bist ein Mitläufer. Und das macht mir noch mehr Angst. Aber ich glaube nicht, dass du wirklich so ein Mensch sein möchtest, oder? Du hast die Wahl, du kannst dich entscheiden. Lass dich nicht blind von deinen Ängsten beherrschen und informiere dich, bevor du etwas postest.

Und für alle, die es etwas einfacher mögen, hier ein Bild mit den wichtigsten Aussagen aus meinem Text:

Was dich zum Nazi macht

Für alle, die sich das zurzeit fragen: Eine kurze (und sicher unvollständige) Auflistung, was dich zum Nazi macht – zum Teilen bei Facebook geeignet 😉

 

PS: Kommentare für diesen Beitrag deaktiviert. Bitte suche das persönliche Gespräch (auf einem der vielen Kanäle) mit mir, falls du Fragen, Anmerkungen, Kritik etc. hast.

 


  1. Vgl. Bedürfnispyramide von Maslow 
  2. Vgl. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 
  3. Duden.de 
  4. PI-News (wikipedia); Beitrag von Zeit Online über PI-News 
  5. KOPP-Nachrichten (wikipedia); Beitrag von SPIEGEL Online über Verschwörungstheorieseiten 
  6. Betreiber von MMnews Michel Mross (wikipedia) 
  7. Pegida-ähnliche Seiten (Beitrag bei Zeit online); Rechte Seite ‚Aufwachen Deutschland‘ (n-tv) 
  8. Anzahl rechts-motivierter Straftaten (Meldung bei SPIEGEL Online); und zum Ausgleich ein Beitrag über die Kriminalität von Flüchtlingen (Beitrag beim Handelsblatt) – als Ergänzung dazu: die Kriminalitätsstatistik für 2014 (Zahlen des Handelsblatts sind unauffindbar) und ein Hinweis von ProAsyl (Punkt #9) zur Deutung der Zahlen 
  9. Sturmabteilung (paramilitärische Kampftruppe der NSDAP)