Punkt-Philosophie

‚Ich kam an einen Punkt, an dem ich nicht weiter wusste.‘

Dieser Satz ist eigentlich paradox. Theoretisch betrachtet, weist die Formulierung auf eine Ortsbezeichnung hin. Die bildliche Vorstellung des Satzes ähnelt bei den meisten Menschen sicherlich auch einem Weg, an dessen einem Punkt man steht, wo es entweder unendlich viele Kreuzungsstraßen gibt oder einen undurchdringlichen Wald oder ähnliches – man weiß einfach nicht weiter. Tatsächlich meint ‚Punkt‘ in diesem Satz keinen Ort, an dem man sich befindet, sondern ist lediglich die Abkürzung von Zeitpunkt.

Das eigentlich Paradoxe ist nun jedoch, dass im Falle eines Punktes als Ort, man wirklich an einem Punkt bleiben könnte – man kann z.B. an einer Weggabelung solange stehen bleiben, bis man sich entschieden hat, welche man nehmen soll, evtl. sogar einen anderen Wanderer fragen oder wenn man eine Karte (oder ein Smartphone mit GoogleMaps) dabei hat, diese konsultieren. Aber man kann auch einfach an diesem Ort bleiben und sich nie wieder fortbewegen (ungedenk der Dinge, die ohne Nahrungsaufnahme zwangsläufig geschehen werden).

Aber wenn man den Satz in seinem eigentlichen Sinn spricht, nämlich als Zeitpunkt, so macht er kaum mehr Sinn. Die Eigenschaft der Zeit ist, dass sie vergeht, und zwar unaufhörlich; ihre Richtung ist immer nach vorn, vorwärts, niemals zurück, niemals abbiegend, keine Umwege, immer straight forward, direkt. Sie bleibt nicht stehen, wie wir an einem ‚Punkt‘ stehen bleiben können. (Viel weisere Dichter und Autoren haben schon über die Zeit geschrieben und man möge bitte dort nachlesen, was die Zeit ausmacht.)

Somit ist der Zeit immanent, dass sie auch an dem ‚Punkt‘, an dem wir meinen, nicht weiterzuwissen, nicht stehen bleibt. Und während das geschieht, läuft auch unser Leben einfach weiter, obwohl wir nicht weiter wissen. (Ich schließe in diesem Fall die Beendigung des Lebens in genau diesem Moment und Zustand einmal aus.) Da unser Leben also mit der Zeit einfach weitergeht, wird der anfängliche Satz ad absurdum geführt und müsste korrekterweise heißen:

‚Ich kam an einen Punkt, an dem ich nicht weiter wusste; also ging ich einfach weiter.‘

Wir sind doch alle Wunder!

Ich weiß nicht viel von ihr, weder ihren Namen, noch ihr genaues Alter. Sie kommt aus Ludwigshafen, ist eine halbe Stunde mit dem ICE gefahren. Sie ist mit ihrer Tochter hier. Die alte Frau hat eine ziemlich altmodische Brille auf, dunkelblonde, kürzere, gelockte Haare. Sie hat einen dünnen pastellgrünen Pullover und einen hellen, recht eleganten Hosenanzug an. Ihre Zähne sind nicht gerade. Insgesamt laufen sie sehr spitz nach vorn zu. Ich habe sie vor unserem Gespräch auf 60 bis 70 geschätzt. Wenn ich jetzt nachrechne, dürfte sie 63 gewesen sein.

„Ihr Jungen solltet immer gut zuhören, wenn ein Alter spricht, weil er Erfahrung hat. Und Erfahrung kann man nicht kaufen, Erfahrung muss man erleben“, erklärt mir die alte Dame.

Sie erzählt mir viel; auch von einem Erlebnis ein halbes Jahr zuvor. Sie war wohl bei einer Freundin, die gerade Besuch von ihren beiden Enkelinnen hatte. Die eine hatte schlechte Tischmanieren, worauf die Oma schimpfte. Da stand das Mädchen auf und sagte: „Oma, du hast’s immer nur mit mir. Aber eins sag ich dir: Das bin nicht ich, das sind meine Gene.“ Seitdem ist meine Gesprächspartnerin verändert, meint sie. Früher habe sie den Obdachlosen nie etwas gegeben, „weil sie es eh nur versaufen“, wie sie selbst sagt. Jetzt gibt sie ihnen etwas, weil sie ja nichts dafür könnten. Ich schweige und sage nicht, dass ich nicht derselben Meinung bin.

Sie erzählt mir, nachdem sie mein Alter erfahren hat, dass sie mit 17 ihren Chef geheiratet habe. Er war 16 Jahre älter als sie. Ein Mann, der nicht viel redete, aber dem man wirklich glauben konnte, wenn er etwas sagte. Sie arbeitete mit ihm in einer Bank, obwohl sie Designerin werden wollte. Büroarbeit war eigentlich nichts für sie. Sie brauchte Bewegung. Wenn sie von ihrem Mann redet, dann sagt sie immerzu: „Ich war schwer verliebt, oh war ich verliebt.“ Dabei hat sie einen so glücklichen und zufriedenen Ausdruck im Gesicht.

Sie war 25 Jahre mit ihrem Mann verheiratet. Dann stellte der Arzt einen Tumor im Gehirn fest. Die alte Frau schaut mich an: „Ich schickte ihn nach Heidelberg. Er sollte nur das beste kriegen. Aber trotzdem starb er.“ Sie sagt mir, dass sie vier Jahre lang nicht sie selbst war. Heute kann sie darüber lachen, „denn es ist nunmal so.“

Einmal fuhren ihr Mann und sie in die Stadt [Ludwigshafen] mit dem Auto. Er wollte für sie noch eine Versicherung abschließen. Da sagte sie zu ihm: „Toni, du hast nun schon so viele Versicherungen abgeschlossen, aber hast mir noch nie >Ich liebe dich< gesagt.“ Darauf habe er geantwortet: „Wenn ich mal nicht mehr bin, wirst du schon merken, wie sehr ich dich geliebt habe.“ Sie schaut mir direkt in die Augen und sagt: „Nach seinem Tod hatte ich keine Sorgen. Die Pension war gut, das Geld hat gestimmt … DAS ist Liebe.“

Dann erzählt sie mir noch eine Episode aus seiner Krankheitsphase. „Er lag im Krankenhaus und ich brachte ihm einmal eine große Orange mit. Ich schnitt die Schale so auf, dass ich sie wie eine Blume auseinanderfalten konnte. Er aß die Orange, die Schale blieb auf seinem Tisch liegen. Am nächsten Tag kam ich wieder und da hatte er in jedes einzelne Teil der Orangenschalenblüte hineingeschrieben >Ich liebe dich auf ewig, Toni<. Dann starb er.“ Sie hat die Blüte heute noch, nach 20 Jahren.

Sie redet von der Ehe, dem Heiraten. Sie rät jedem jungen Menschen, heute nicht mehr zu heiraten. Sie findet die Zeit, in der wir jungen Leute jetzt leben „wunderbar“ und „großartig“. Beide Wörter spricht sie in einem leichten Schwäbisch aus. Heutzutage sei es nicht mehr schlimm, wenn man zusammen lebe, aber nicht verheiratet sei. Sie sagt, der Trauschein sei heute nichts mehr wert. Es könne trotzdem alles auseinandergehen. Ehe führen sei verdammt schwer und die Liebe sei ohne das Papier auch da. Ich solle mir sehr gut überlegen, ob ich heirate, wenn meine Eltern ein Haus haben, schließlich gehöre „dem“ ja dann schon die Hälfte. Ich glaube, sie schmunzelt ein wenig, während sie das sagt. Sie meint, ihre Ehe sei nicht schlecht gewesen, aber sie fühle sich jetzt trotzdem freier. Sie habe auch nicht wieder geheiratet. Sie sagt: „Eine Ehe funktioniert nicht, ohne dass einer nachgibt, sich unterordnet.“

Immer wieder kommt sie auf die Religion zurück. Sie ist Christin – ich glaube katholisch. Sie erklärt, dass sie zu Zweiflern immer sagt: „Vorsicht, es ist noch nicht bewiesen, dass es nichts gibt.“ Entsetzt ist sie, als sie erfährt, dass ich nicht getauft bin. „Wenn du bei mir wärst, würde ich das als erstes machen lassen.“ Später bekräftigt sie noch mit einem bestimmten Nicken: „Ja, das ist das Wichtigste.“ Als sie von mir erfährt, dass auch meine Eltern und mein Freund nicht kirchlich sind, schimpft sie: „Ach, das ist die Ostzone. Früher haben wir das verurteilt, was da gemacht wurde. In den Kirchenzeitungen stand immer, dass wir für euch beten sollen.“ Rührend fügt sie hinzu: „Ich werde jetzt immer für dich beten und ab und zu eine Kerze in der Kirche anzünden.“ Dann erzählt sie von einem Besuch in einem Kloster vor ein paar Jahren. Der Abt sollte eine Führung für eine Schulklasse aus dem „Osten“ machen. Als sie vor dem Christuskreuz standen, fragte ein Mädchen von ca. 13 Jahren den Abt: „Herr Geistlicher, was ist DEM denn passiert?“ Der Abt war platt, sagt sie. „Das ist eure Schule“, fügt sie zu mir gewandt hinzu.

An irgendwas muss man doch glauben“, sagt sie. Sie meint, dass es auf jeden Fall etwas gibt da oben. Egal, ob es dann Islam sei oder etwas anderes. „Wir haben diesem Etwas nur den Namen >Gott< gegeben. Er könnte genauso gut >Blume< heißen.“

Zudem erwähnt sie ein Zitat Einsteins. Er soll in etwa gesagt haben: „Der da oben hat uns ein großartiges Gehirn gegeben, aber von diesem Riesenapparat nutzen wir nur ein Drittel. Wir sollten viel mehr denken.“ Später führt sie das weiter und sagt persönlich zu mir: „Ach, der Einstein hat euch so ein großartiges Gehirn gegeben, ihr solltet viel mehr denken.“ Wahrscheinlich wollte sie Gott und nicht Einstein sagen.

Wir sind doch alle Wunder“, meint sie nach einer kurzen Pause und zählt auf: die Befruchtung des Eis einer Frau und wie daraus Mund und Nase und Augen werden; die Tiere; die Pflanzen. Dann fragt sie auch noch, warum wir „da drüben“ wie Tiere dahin vegetieren (ohne Glauben). Ich widerspreche, sie fragt nicht weiter. Dann faltet sie die Hände und zeigt mir, dass man nur durch das Ineinanderlegen der beiden Hände fünf Kreuze erzeugt. Sie findet das faszinierend und ihre Augen leuchten. „Vielleicht war es Schicksal, dass wir uns hier getroffen haben“, meint sie mit einem Seitenblick auf mich.

Wir haben uns nur durch Zufall getroffen. Ich habe mich lange in dem Raum der Picasso-Ausstellung „Badende“ der Picasso - Große Badende mit BuchStaatsgalerie Stuttgart aufgehalten, weil mich ein Gemälde besonders faszinierte: „Badende mit Buch“. Es erinnerte mich an mich selbst. Ich setzte mich auf eine Bank, auf der bereits eine alte Dame saß, um es länger anschauen zu können. Dann sprach sie mich an.

Sie hat mir all das einfach erzählt. Dann kommt ihre Tochter wieder und die alte Dame steht auf. Zum Abschied wiederholt sie noch einmal, dass sie für mich eine Kerze anzünden, dass sie die Skulpturen und mich nicht vergessen wird. Sie wünscht mir noch einen schönen Tag und ein schönes Leben. Dann geht sie.

(Der Bericht basiert auf einem realen Erlebnis von mir am 10. August 2005. Ich habe dazu ausführliche schriftliche Notizen von damals zur besseren Lesbarkeit ein wenig überarbeitet.)

„Denn wir sind alle behindert.“

Ich habe heute einen wunderbaren, mich inspirierenden Menschen entdeckt: Georg Stefan Troller.

Ein Mensch, der merkwürdigerweise so viele Aspekte meines eigenen Lebens in sich bzw. in seinem Leben und in seinem Schaffen, zumindest in seinen Aussagen, vereinigt: Er ist Dokumentarfilmer, ein Interviewer, wird beschrieben als einer, der eine ganze Journalisten-Generation beeinflusst hat – ich frage mich, warum ihn niemand während meines Medienmanagement-Studiums erwähnt hat, obwohl seine Art viel menschlicher als zum Beispiel die eines Walraffs ist. Also er ist Journalist, aber einer mit durchaus ethnographischen Zügen – also mit Methoden und Arten und Weisen, die mir jetzt in meinem zweiten Studium begegnen.

Das Ethnographische entdecke ich zum Beispiel in Aussagen, die er in diversen Interviews trifft, wie z.B.

  • „Ich sage immer, dass diese Leute natürlich mit jemand anderem einen völlig anderen Film machen würden. Sie lassen sich auf mein Spiel ein, und wenn es richtig gespielt wird, spielen sie es gerne. Aber es ist eine Art Spiel, ein Dialog, ein Theaterstück, das wir da aufführen.“
  • „Ich hab oft im Knast gedreht. […] Aber das musst du den Leuten, mit denen du drehst, dann vermitteln, dass du dich nicht über sie erhaben fühlst, sondern in deinen schwachen Momenten durchaus fähig wärst, das gleiche zu tun. Gott behüte.“
  • „Dass die Menschen beginnen sich aufzuschließen, und für dich dazusein, so wie du in diesem Moment für sie da bist.

Am meisten allerdings hat mich beeindruckt, wie er über die Herangehensweise an einen Menschen spricht – das ist nicht nur journalistisch wertvoll, nicht nur ethnographisch kontextualisiert, das ist eine zutiefst humanistische Einstellung und eine Position, die ein Leitfaden für jeden einzelnen von uns sein könnte und sollte:

Denken Sie nie an den anderen Menschen als jemand Fremden, als jemand anderen, schon immer als jemand, der so ist, wie Sie, nur auf seine Art. […] den anderen für einen selber nehmen; mit seinen, mit den eigenen Problemen usw., die man selber hat und die man ganz bestimmt auch im anderen Menschen findet. Aber nie von außen an ihn ran, als wäre das bloß irgendeine Figur, die man abzupinseln hat. […] Der andere ist man selber. Das, was Sie mit ihm teilen, das ist das, wo Sie rankommen müssen. Nicht das, wo er irgendwie fremdartig oder interessant ist oder so. […]“
(Aus dem Interview „der andere ist man selber„)

Troller ist Jude, 1921 in Wien geboren. Er spricht über seine Kindheits-Erfahrungen in Wien, als ihm überall Wut und vor allem Hass entgegenschlugen, egal wo er hinging, egal wo er sich aufhielt, „[…] sodass man am Ende natürlich als Reaktion darauf zur Selbstverachtung kommen muss. Unweigerlich. Dieser Selbsthass ist ja nichts anderes als der umgestülpte Hass der Umwelt auf dich. […] Immer wieder die Verachtung der Leute zu spüren, ist schon eine ganz schöne Wunde.“

Seine Interviews, seine Arbeit, beschreibt er daher als eine Suche danach, wie man über solche Wunden hinwegkommt. Er wird in einem Interview mit einem Satz aus einem seiner Bücher konfrontiert „Ich weiß, dass ich ohne diese Filme, ein todunglücklicher Mensch wäre.“ Darauf antwortet er:
„Das stimmt. […] Es gab mir die Möglichkeit, mich selbst zu überzeugen, dass mein Leben etwas wert wäre, nachdem so viele Leute es mir gesagt haben. […]“

In seinen Worten – und besonders in seinen Taten, also seinen Arbeiten, die ich mir zu sehr geringem Teil auch angeschaut habe – ist er so sehr Künstler, obwohl er sich selbst nie so bezeichnen würde, z.B. als er danach gefragt wird, ob sein Schaffen schlichtweg aus den eigenen Wunden hervorgegangen ist. Er sagt, dass „[…] alle großen Autoren, Künstler, usw., mit denen ich mich gar nicht vergleichen will, immer aus einer Verwundung her schreiben, aus einem Gefühl des Abnorm-Seins her schreiben und die großen Werke nie aus Überfluss sondern immer aus Mangel entstehen. […] In Wirklichkeit waren da irgendwelche Wunden, die ihn dazu getrieben haben, schreiben zu müssen oder zu krepieren. Und wie überwindet man solche Wunden, wenn man Künstler ist, aber besonders wenn man keiner ist?“

Es ist, als würde er direkt zu mir sprechen, bzw. zu allen Menschen, denn ich glaube, dass sich jeder wenigstens ein Mal im Leben die Fragen stellt, die Troller in verschiedenen Interviews erwähnt, u.a. in einem Kommentar zu seinem Film über den querschnittsgelähmten Ron Kovic:
Denn wir sind alle behindert. Ich glaube, wir haben alle Behinderungen, von denen wir denken: Warum gerade ich? Warum gerade das? Wie kann ich damit überhaupt leben, wie kann ich damit fertig werden?“

Und um meinen heutige Entdeckung abzurunden, hier noch Trollers Antwort auf die Frage, was für ihn Heimat sei:

Heimat ist identisch mit Kindheit. Und das Eingewachsen sein in eine Stadt, ein Land, eine Umwelt usw. ist Heimat und der Verlust nicht wieder gut zu machen. Neue Heimaten gibt es nicht. Es gibt Länder, in denen man sich wohlfühlt. Man kann in Paris leben, kann in New York leben. Heimat ist da, wo man sprechen gelernt hat, wo man die Dinge erkennen, sehen, benennen gelernt hat. Und das passiert alles in den ersten sieben, acht Jahren Ihres Lebens. Da ist Heimat. Alles übrige ist dann nur noch ein Ort, wo man lebt.

Das sehenswerteste Interview (drei-teilig bei youtube zu finden) mit Gero von Boehm – hier nur der Link zu Teil 1:

Und hier eine seiner Arbeiten aus der Reihe „Personenbeschreibungen„, die er 20 Jahre lang für das ZDF machte: