Bundestagswahl 2017: Grundeinkommen wählen – eine echte Alternative!

Es gibt so viele Probleme und Tendenzen in unserer Gesellschaft. (Die im folgenden aufgelisteten Aspekte sind nur eine kleine Auswahl.)
Hierzu zählt die zu beobachtende Zunahme von Hass und Gewalt, die meiner Ansicht nach vor allem daraus resultiert, dass Menschen Angst haben, ihr Leben eben nicht „gut und gerne“ leben zu können, dass sie ihren Kindern kein Leben bieten können oder dass sie selbst im Alter nichts mehr haben.
Die Armut steigt.1 Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer und die Menschen spüren das.2
Viele können von ihrem Job allein nicht mehr leben.3 Ein Mindestlohn ist zwar ein guter Ansatz, löst aber noch lange nicht die grundlegende Unsicherheit.
Auch das Versprechen der Politiker, Jobs zu schaffen, obwohl alle wissen und sehen können, dass die technische Entwicklung immer mehr dieser „Jobs“ zunichte macht, erscheint absurd. Allerdings ist genug Arbeit da. Es gibt genug zu tun in unserem Land und auf der ganzen Welt – für jeden Menschen. Immer mehr Menschen dämmert auch, dass unendliches Wirtschaftswachstum in einer Welt mit endlichen Ressourcen nicht möglich ist.4
Und wir erkennen, dass herkömmliche Arbeit viele Menschen sogar krank macht. Stichwort Burnout. Die Zunahme psychischer Erkrankungen ist kein Geheimnis. Wir sehen daher nicht grundlos Entwicklungen hin zu mehr Teilzeitarbeit oder Konzepten, um Arbeit anders zu gestalten. Dazu gehört zum Beispiel Job-Sharing, bei dem sich zwei Menschen eine Vollzeitstelle teilen.5
Diese Tendenzen zeigen auch eine Bedeutungsverschiebung: Es gibt immer mehr Menschen, denen der Job und das Geld nicht mehr so wichtig sind. Ihnen ist es wesentlich wichtiger, eigene Lebensziele und „Projekte“ (AUCH ARBEIT!!!) zu verfolgen, sich in etwas weiterzubilden, was sie wirklich interessiert, die Freiheit, zu entscheiden, einfach Zeit mit der Familie und Freunden oder Zeit in der Natur zu verbringen usw. (Aber ohne, dass das als Abkehr von der Gesellschaft gewertet wird. Die meisten wollen beides: Freiheit, eigene Interessen zu verfolgen, und gleichzeitig Engagement für die Gesellschaft.)

Immer mehr Menschen merken einfach, dass etwas nicht stimmt in unserer Gesellschaft. Nicht ohne Grund sind Gruppierungen wie Pegida oder die AfD entstanden. Sie haben nämlich in einem Punkt recht: Es läuft etwas gewaltig schief und die derzeitige Politik – parteiübergreifend – ist: Das meiste so lassen und nur über einzelne Aspekte streiten. Das ist enttäuschend, weil es einfach nicht ausreicht. AfD-Anhänger und Co. ziehen aus dieser Enttäuschung nur die falschen Schlussfolgerungen. Sie glauben, zu einer wie auch immer aussehenden Vergangenheit zurückzukehren und andere Menschen aus dem System herauszuwerfen, würde helfen.

Um etwas verändern zu können, braucht es aber Gestaltungswillen und nicht Zerstörungswut. Man muss nicht erst etwas niederreißen, um etwas neues zu schaffen. Man muss vielleicht einfach nur die Perspektive ändern, mit der man auf das Bestehende blickt. Es ist nämlich schlichtweg unmöglich zu einem Zustand in der Vergangenheit zurückzukehren. Das, was da ist, das, was wir haben – das ist alles richtig gut. Auch wenn das vielleicht viele nicht sehen oder genießen können: Wir sind ein reiches, weit entwickeltes Land. Uns geht es prinzipiell gut. Doch wie oben beschrieben, gibt es an vielen Stellen Ungerechtigkeiten und Reibungspunkte, die wir als eben jenes entwickelte Land nicht weiter hinnehmen können.

Das ist aber keine Angelegenheit der Politik allein. Es ist nichts, was wir mit ein paar Gesetzen oder Maßnahmen hier und da ausgleichen können. Um die oben beschriebenen Schwierigkeiten zu lösen, um Ungerechtigkeiten zu beseitigen, ist eine gemeinsame Anstrengung notwendig: Wir müssen Gesellschaft radikal neu denken.

Wir müssen den Menschen, also auch uns selbst, endlich mit ganz anderen Augen betrachten, unseren eigenen Wert anders bemessen. Wir müssen neu definieren, was Arbeit ist. Wir müssen eine Grundlage schaffen, wie Menschen existieren können, auch wenn sie mal „nichts“ tun (was schon wieder Blödsinn ist, weil niemand wirklich „nichts“ tut – auch „nichts tun“ ist Regenerations“arbeit“). Wir müssen Gesellschaft so gestalten, dass jeder eine Perspektive hat, dass jeder die Möglichkeit hat, sein Leben zu führen, ohne davon selbst enttäuscht zu sein. Wir müssen unser Miteinander in eine wertschätzende Beziehung umwandeln. Statt Menschen mit Druck und Zwang und Warnungen dazu zu bringen, Dinge zu erledigen, sollten wir sie für Dinge begeistern, ihnen Möglichkeiten aufzeigen, eine positive Zukunft darstellen.

Um diese Dinge umzusetzen, die Gesellschaft also radikal neu zu denken, existiert derzeit bereits eine Idee: Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Auch wenn es noch viel zu tun gibt, um ein solches Konzept umzusetzen, und sicher viele Aspekte noch nicht durchdacht sind, ist es an der Zeit erst einmal darüber zu sprechen. Wir sollten damit endlich anfangen. Und damit nicht nur im Kleinen darüber diskutiert wird, sondern damit sich auch Politiker damit befassen, sollten wir im September bei der Bundestagswahl die Ein-Themen-Partei „Bündnis Grundeinkommen“ wählen. Deren Parteiziel ist zwar die Einführung des BGE. Allerdings möchten sie vor allem eine Debatte über diese Idee und über die Gesellschaft im Allgemeinen anregen. Wer also enttäuscht ist davon, wie unsere Gesellschaft zurzeit aussieht, und davon, wie herkömmliche Parteien damit umgehen, der hat mit dieser neu gegründeten Partei „Bündnis Grundeinkommen“ eine echte ALTERNATIVE. Geht wählen!

Und wer noch Gründe sucht, eine kleine Partei zu wählen, hier ein guter Beitrag beim Mnementh-Blog.

Weitere Infos zum Bündnis Grundeinkommen: www.buendnis-grundeinkommen.de.

Ein älterer Beitrag von mir über das Grundeinkommen mit einigen nützlichen Links, um mehr über das Konzept zu erfahren.

 


  1. u. a. Rudzio, Kolja: Wie arm ist Deutschland wirklich?, Beitrag vom 19.04.2017 auf Zeit.de, abrufbar hier 
  2. u. a. Balser, Markus: Deutschland hat ein Lohnproblem. Beitrag bei SZ.de vom 22.08.2017, abrufbar hier; Christ, Sebastian: Die Politik hat die Armen in Deutschland verloren. Beitrag bei huffpost vom 22.07.2017, abrufbar hier 
  3. u. a. ZEIT Online: „Fast jeder zehnte Berufstätige ist armutsgefährdet“, Beitrag vom 06.07.2017, abrufbar hier 
  4. z. B. wikipedia-Beitrag „Wachstumsrücknahme„ 
  5. Hierfür gibt es bereits eine Plattform, um Unternehmen und Stellen zu finden, wo das möglich ist, und ggf. gleich Menschen, mit denen man das umsetzen könnte. Die Plattform heißt Tandemploy

Uni zwingt Studierende zu ehrenamtlichem Engagement

Ich habe letztens eine Informationsveranstaltung einer gemeinnützigen Institution besucht und bei der Vorstellungsrunde der Interessenten-Gruppe etwas Interessantes aufgeschnappt: Da erklärte eine Studentin der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin), dass ihre Hochschule doch tatsächlich ehrenamtliches Engagement während des Studiums ZWINGEND vorschreibt. Sie selbst war sehr angetan von der Haltung der HWR, die sie, wie folgt, beschrieb: „Ihr bekommt etwas von der Gesellschaft, ihr dürft kostenlos studieren, also könnt ihr der Gesellschaft auch etwas zurückgeben, etwas für die Gesellschaft tun.“ (Ungefährer Wortlaut) Sie betonte auch, sie müsse eine bestimmte Stundenanzahl nachweisen.

Diese Aussagen weckten meine Aufmerksamkeit: Ein Zwang zum Ehrenamt!? Funktioniert das überhaupt? Und wie kann es sein, dass ich davon noch nie etwas gehört habe, obwohl dieser Vorstoß sicher zu einem umfangreichen Protest der Studierendenschaft geführt hätte? Oder ist das still und heimlich in die Studienordnung geschrieben worden und alle neuen Studierenden sind dann plötzlich überrascht, wenn im Lehrplan „Ehrenamtliches Engagement“ als Voraussetzung für die Teilnahme an der Abschlussprüfung auftaucht?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich bin dieser Idee nicht abgeneigt; im Gegenteil. Insbesondere Studierende sollten sich ihrer Verantwortung für die Gesellschaft während des Studiums bewusst werden, um später verantwortungsbewusst zu handeln. Letztendlich ist das auch Element des Bildungsauftrags der Hochschulen. Ehrenamtliches Engagement als vorgeschriebenes Modul und somit festen Bestandteil in den Lehrplan aufzunehmen, ist meiner Ansicht nach da nur konsequent. Ich gebe der Studentin Recht, wenn sie sagt, dass die Gesellschaft uns Bildung ermöglicht, ohne dafür bezahlen zu müssen. Die meisten von uns haben gerade in dieser Phase wenig Geld, aber meist eine hohe Motivation etwas zu lernen und etwas zu tun. Wäre es dann nicht sinnvoll, diese Motivation auch in die Gesellschaft zu investieren?

Viele Studierende engagieren sich ohnehin bereits ehrenamtlich. Dies dann im Studium mit ein paar (wenigen) Leistungspunkten anzuerkennen, tut keinem weh. Und andere, die noch nicht ehrenamtlich aktiv sind, werden dadurch vielleicht erst auf die Idee und den Geschmack gebracht, ihre Fähigkeiten für andere oder etwas Größeres einzusetzen.

Diese Gedanken erscheinen mir plausibel. Dennoch glaube ich nicht daran, dass eine Universität oder Hochschule – noch dazu in Deutschland – dies tatsächlich in ihrer Studienordnung verankern könnte. Viele hätten sich vehement geweigert, diesen „Zwang“ zu akzeptieren. Ein großer Teil der Studierenden geht einem oder sogar mehreren (kräftezehrenden) Nebenjobs nach, um sich das Studium zu finanzieren. Sie haben also ohnehin schon damit zu kämpfen, ihr Studium und ihr Leben irgendwie auf die Reihe zu bekommen. Eine Verpflichtung zum Ehrenamt wäre für diese Gruppe völlig inakzeptabel. Eine andere größere Gruppe von Studierenden leidet unter einem wirklich zeitintensiven Studium ohne Möglichkeit der Reduktion – aus persönlicher Erfahrung würde ich sagen, dass es sich hierbei vor allem um Naturwissenschaftler und Juristen handelt. Auch sie hätten lautstark gegen eine Verpflichtung zum Ehrenamt protestiert. Außerdem gibt es eine nicht allzu kleine Gruppe Studierender, die selbst auf (teilweise ehrenamtliche) Unterstützung angewiesen sind, sei es aus gesundheitlichen, familiären, sozialen oder anderen Gründen. Dann gibt es natürlich noch ein paar, die gesellschaftliches Engagement kein Stück interessiert, die einfach keine Lust dazu haben oder ihre Zeit lieber in andere – private – Aktivitäten stecken. Insgesamt würde ich behaupten, dass die Gruppe der Gegner eines solchen Vorschlags wesentlich größer ist als seine Befürworter. In keinem Fall wäre es für die Hochschule möglich gewesen, einen Zwang zum Ehrenamt durchzuboxen.

Nach ein bisschen Recherche wird auch deutlich: So wie es die Studentin dargestellt hat, entspricht es natürlich nicht der Realität. Ja, es gibt mittlerweile bundesweit Initiativen, die ehrenamtliche Tätigkeiten von Studierenden fördern möchten. Das ganze nennt sich „Service-Learning“ oder „Bildung durch Verantwortung“ und meint vor allem die Kopplung des Lernens mit dem Engagement in sozialen Projekten. Dabei geht es meiner Einschätzung nach aber leider weniger darum, Studierende für den Gedanken des Ehrenamts zu begeistern, also ihnen klar zu machen, dass man nicht für alles, was man tut, auch etwas zurückverlangen sollte, sondern sich, um des Gebens willen und weil es einfach richtig ist, zu engagieren. Beim Service-Learning geht es eben immernoch ums Lernen, also mehr darum, im Rahmen von zeitlich begrenzten Projekten diverse Kompetenzen (Methoden-, Sach-, Selbst-, Sozial- und systemische Kompetenz) der Studierenden zu schulen, also sie tatsächlich umfassend zu BILDEN. Das Ganze wird dann mit Leistungspunkten fürs Studium verwertbar gemacht, was zur Folge hat, dass die meisten Studierenden tatsächlich nur im Rahmen der für ein Modul vorgesehenen Stundenzahl gemeinnützig tätig sind.

Natürlich ist die dadurch stattfindende Unterstützung sozialer Einrichtungen und Projekte trotzdem wertvoll. Aber es ist eben nicht das, was ich erwartet habe, als die Studentin die Haltung der HWR Berlin dargestellt hat.

(Eine Anfrage an die Pressestelle der HWR Berlin zum Thema lief leider ins Leere. Ich habe bisher keine Antwort erhalten, aber werde diese nachreichen, falls sich da noch etwas tun sollte.)

Ich würde gern eure Meinung dazu wissen: Sollte es in Deutschland einen Zwang zum Ehrenamt (für Studierende) geben? Und was haltet ihr vom Ansatz des Service-Learnings?

Mehr zum Thema Service-Learning/Bildung durch Verantwortung:

Studie zum Service-Learning an der Uni Duisburg-Essen

Webseite des Hochschul-Netzwerks „Bildung durch Verantwortung“

Webseite des Netzwerks „Lernen durch Engagement“ (Service-Learning bei Schülern/an Schulen)