wochenlyrik: Deine geometrische Form

Ich und mein Opa

Für meinen Opa

 

Für dich hätt ich unheimlich gern
eine eigne mathematische Formel kreiert,
deine Persönlichkeit und dein Leben
am liebsten mit Zahlen und Variablen beschrieben,
doch sind trotz unserer gemeinsamen Zeit
mit Algebra, Analysis und Geometrie
leider Worte eher mein Metier.
Doch da ich weiß,
das stört dich nicht,
bin ich mir sicher,
auch ein Gleichnis wär dir recht.

An ein Rechteck erinnerst du mich,
das ist so schön gerade,
so auf-RECHT,
nicht so schief und krumm,
ein Rechteck ist stabil; das kippt nicht um.

Wenn man es aber doch mal auf die Seite legt,
erscheint es fast
wie ein offener Mund
und deutet an,
dass auch ein Rechteck lachen kann,
denn auch du hast aufrichtig gelacht
und das vermisse ich so arg.

Außerdem steht in nem Buch
deine Hoffnung, dein Gesuch,
auch für deine Ecken und Kanten
in Erinnerung zu bleiben.
Glaub mir, daran brauchst du nicht zu zweifeln,
denn sicher führen wir bisweilen
in unseren Gedanken den Beweis:
In keinem Fall warst du ein Kreis!

Und zum Schluss ist noch zu sagen,
ein Rechteck ist auch irgendwie ein Rahmen.
Deine Form hat mir gegeben
einen Rahmen für mein Leben.

wochenlyrik: Erinnerung

Gelungene Momente

Gelungene Momente
sind im Leben
rar gestreut.

Bis gestern
war mir nicht bewusst,
dass du und ich
so einen Moment teilen.

Als ich ging,
ist er geblieben,
schien nur verloren,
überdeckt von so viel Zeit.

Ich bin zurückgekehrt,
an jenen Tag
in unserer Vergangenheit.

Damals.
Mein Gesicht in deinen Händen.
Noch ein Mal fühl ich
deine Lippen mich berühren.

Ich lächle
und begreife:
Fenster bleiben offen
auch bei geschlossnen Türen.

 
                                                 
wochenlyrik
der Versuch, jede Woche ein eigenes Gedicht zu posten – alt/neu, fertig/unfertig, …

wochenlyrik: So etwas wie Liebe

Eltern

Gedicht/Ansprache anlässlich der Silberhochzeit meiner Eltern
(aus Sicherheitsgründen
musste ich einige Zeilen in der Technik-Strophe entfernen)

Die Zeit vereint uns,
nicht die Liebe,
denn Liebe verändert sich
mit der Zeit;
sie verschwindet nicht,
sie wandelt nur ihre Gestalt.

Eine Hochzeit ist eine Entscheidung,
man sagt „ja“,
wenn man dem anderen vertraut,
wenn man ihm glaubt,
dass er mit einem zusammen wächst.
Es ist ein Bekenntnis
zu einer gemeinsamen Zeit.

Und dann kommt sie,
die Zeit,
und sie rennt,
und sie rinnt
und manchmal scheint es so,
als fresse sie die Liebe auf.
Doch stattdessen
gibt die Zeit der Liebe eine neue Form,
die sich hinter dem Alltag verbirgt.

Diese Form nennt man Gewissheit.

Es ist die Gewissheit,
dass der andere sich für einen entschieden hat,
obwohl und weil man so ist, wie man ist;
und die Gewissheit,
dass er seine Entscheidung morgen nicht revidiert;

Es ist die Gewissheit,
dass man nach Hause kommt und nicht allein ist,
dass die andere Person auf jeden Fall auch da sein wird;
die Gewissheit, dass man alles teilen kann und darf –
Glück, Freude, Ideen, Gedanken, Sorgen, Ängste.

Es ist die Gewissheit,
dass man dem anderen wichtig ist –
Warum sonst sollten wir uns wegen Kleinigkeiten streiten?
Es wäre leichter zu gehen,
aber wir haben uns für den schwierigen Weg entschieden,
weil wir uns etwas bedeuten,
in guten wie in schlechten Zeiten.
Ein „Ich liebe dich“
heißt „ich bin gewiss, du bleibst“.

Und war das bei euch nicht auch dringend nötig?
In einer Zeit, in der eine Mauer fiel,
in der ein ganzes System stürzte,
in der die Wahrheiten von gestern
plötzlich Lügen waren,
war es da nicht wunderbar,
das kleine bisschen Gewissheit zu haben,
dass der andere noch der Mensch von gestern war?

In diesen 25 Jahren,
in denen ihr zwei Mal die Währung gewechselt habt,
und ich glaube genauso oft eure Waschmaschine,
in denen ihr beide neue Berufe erlernen musstet,
weil die alten plötzlich weg waren,
war es da nicht schön,
jemanden an der Seite zu haben,
der das Gleiche erlebte,
mit dem man Entscheidungen besprechen konnte,
und der einem immer wieder das Gefühl gab,
alles wird gut?

(6 Zeilen entfernt)
Ihr habt in dieser Zeit von Lochkarten auf Disketten,
auf CD-Roms und USB-Sticks gewechselt,
und euch nach Windows, Outlook und Lotus Notes
auch auf Skype, Facebook und Whatsapp eingestellt.
In dieser Zeit,
in der sich alles so rasend schnell veränderte,
war es da nicht beruhigend,
dass eine Sache Bestand hatte,
dass ein Mensch blieb,
als andere gingen?

25 Jahre – und ich war in jedem einzelnen dabei,
mal mehr, mal weniger nah,
aber ich kann behaupten,
ich habe gesehen, wie die Zeit
aus eurer Liebe Gewissheit machte.
Eure 25 Jahre
das ist eben auch irgendwie meine Geschichte,
denn es gäb mich nicht,
wär da nicht so etwas wie Liebe.

 

                                                 
wochenlyrik
der Versuch, jede Woche ein eigenes Gedicht zu posten – alt/neu, fertig/unfertig, …