Twistory: Mauerfall bei Twitter

Das war definitiv ein interessantes Projekt und eine wunderbare Idee: Gestern konnte man bei Twitter den Mauerfall live verfolgen. Möglich gemacht hat es eine Gruppe MDR-Mitarbeiter, die unter dem Titel 9Nov89live zeitecht Twittermeldungen aus verschiedenen Perspektiven verfasste. Dazu gehörten ein Journalist in Berlin, ein Oberstleutnant am „Grenzübergang“ Bornholmer Straße, ein Grenzsoldat in Marienborn, ein SED-Mann, ein junger Mann aus Halle, der zur Armee eingezogen werden sollte, ein junger Arbeiter aus Magdeburg und eine westdeutsche Studentin aus München.

Der Rest ist eigentlich bekannte Geschichte. Und doch wurde hier eigene Twistory geschrieben – es war so spannend, man musste einfach weiter dran bleiben, wie bei einem Roman, den man nicht aus der Hand legen kann. Dafür habe ich sogar The Voice of Germany leiser gedreht und bin in der Werbepause mit Handy aufs Klo gegangen, um ja keinen Tweet zu verpassen.

Schade fand ich, dass im Vorhinein so wenig Werbung gemacht wurde. Ich habe erst gestern Nachmittag davon erfahren und frage mich, wieso. Sonst machen solche Projekte doch schon weit vorher viral die Runde. Auch ist es verpuffte Wirkung – meiner Ansicht nach – wenn die Aktion an Schulen vorbeigeht. Ich weiß jetzt nicht, ob das Projekt mit Schulen kooperiert hat oder speziell Werbung gemacht wurde. Aber eine solche Aktion hätte wirklich mehr Aufmerksamkeit, gerade von Schülern, verdient. Für die wäre das doch endlich mal die Gelegenheit gewesen, Geschichte anders zu erleben, quasi live.

Faszinierend fand ich die Menschen, die den Mauerfall tatsächlich erlebt haben und parallel zur offiziellen Plattform eigene Erlebnisse in Echtzeit einbanden. So postete beispielsweise Joerg Thoss unter dem Namen JoergDresden Tweets wie „Wo habt Ihr eigentlich Eure Informationen her? Ist doch alles Quatsch. Grenze auf und so. Redet mal lieber leiser.“ oder „Wir werden in den nächsten Tagen mal nach Berlin fahren. Alle zusammen. Bevor die wieder zumachen“. Guido Brinkel äußerte sich ähnlich ungläubig: „Unsere Westbekanntschaft aus Cappeln hat gerade angerufen und gesagt wir sollen sie besuchen kommen. Die sind doch verrückt!“ Und auch Kai Wels (Berlin-Charlottenburg) gibt seinen 9. November 1989 bei Twitter zum Besten, beschreibt den Nachmittag mit Nach-Hause-Weg von der Schule und Kino-Besuch mit dem Bruder. Danach twittert er „22.30 Uhr. Durchsage im Bus: „Verehrte Fahrjäste, hab jerade die Info bekommen, dat die Mauer wohl irjendwie uffjemacht wurde.““ Ein paar Minuten später folgt: „22.55 Uhr. Zuhause. Fernseher an. Tausende Ost-Berliner aufm KuDamm. Geflasht. Sprachlos. Morgen: Scheiß auf Schule. Zur Mauer.“ Und auch Stefen Niemeyer  will zur Mauer „Irre Tagesthemen. Ich schwinge mich ins Auto und fahre von Charlottenburg zum Brandenburger Tor. Parke nahe Siegessäule.“

Davon hätte ich mir viel mehr Menschen gewünscht! Auch das hätte – mit mehr spezifischer Werbung, wie z.B. Aufforderungen, einfach mitzumachen – besser klappen können. Diese Vielfalt der Perspektiven hätte die Mauerfall-Twistory noch interessanter gemacht. Stattdessen posteten die meisten – auch ich – eher die Tatsache, dass man den Mauerfall bei Twitter verfolgen kann.

Mein privater Favorit zum Thema war allerdings eine sehr kurz ausfallende Konversation mit meiner Mutter. Wir telefonierten gestern Nachmittag, sprachen über verschiedene Dinge und dann erzählte ich ihr kurz (in einem Satz) und ganz begeistert von dem Projekt. Ich sagte: „Mama, da kannst du live bei Twitter den Mauerfall erleben!!!“ Sie antwortete ohne Denkpause, sehr trocken und gelangweilt: „Jaaaaa, ich hab ihn ja schon live erlebt.“ Es bedurfte keiner weiteren Worte, denn damit war alles gesagt. Generationsunterschied lässt grüßen.

15 Kommentare zu “Twistory: Mauerfall bei Twitter

  1. Anja Zeutschel sagt:

    Ergänzung:

    Ich habe mich dann auch gefragt, ob sich das Projekt auf andere historische Daten ausweiten ließe. Was gäbe es denn für Tage, die ebenfalls in Frage kämen? Der 11. September 2001? Das Ende des 2. Weltkriegs? Kreuzigung Jesus? Kolumbus‘ Entdeckung Amerikas? Irgendeine Erfindung?

    Irgendwie passt keines dieser Dinge, denn der Mauerfall besitzt ein paar Aspekte, die wohl kein anderes Datum hat: Er lässt sich auf einen Tag eingrenzen. Er ist ein eher positiv konnotiertes Ereignis mit Bildern der Freude, feiernder Menschen, etc. und ohne Gewalt. Er ist ein sehr emotionales Ereignis. Er ist noch nicht zu lange her, sodass es noch sehr viele Menschen gibt, die ihn tatsächlich erlebt haben und selbst berichten können; aber ist auch schon lange genug her, um als Geschichte gelten zu können. Aufgrund der Medialisierung existieren davon etliche Fotos und Videos, das Ereignis ist durch Aktenvermerke und Presse-Meldungen sehr genau (auch zeitlich) dokumentiert. Es ist glaubwürdig, dass die Menschen für Twittermeldungen Zeit gehabt hätten.

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  2. Torsten sagt:

    Danke Anja, für deinen tollen Beitrag. Ich war als externer Blogger über das Projekt informiert vorab, hatte auch selbst mehrmals drüber gebloggt, einige Tage zuvor berichtete online auch bereits die Koblenzer Rhein-Zeitung drüber.

    Der MDR ist, bundesweit betrachtet, noch recht klein und unbekannt in der Twitterlandschaft. Denke aber, daß sich dies nun auch nach und nach ändern wird.

    Auf jeden Fall sitzen dort Menschen, die gestern (und auch bei der Vorbereitung) mit Herz und Seele sich dem Projekt verschrieben haben und es wird sicher nicht das letzte Projekt gewesen sein, was man von dort aus initiiert.

    Der Twitteraccount mit den Tweets bleibt übrigens erhalten, sodaß auch Schulen damit arbeiten können. Eine Magdeburger Waldorf-Schule hatte gestern den Schulplan auf die Twitteraktion angepasst und live die Tweets verfolgt und in den Unterricht eingebunden.

    Knapp 2.500 Follower hatte der Account zu Spitzenzeiten übrigens an sich gebunden, so ganz klein war das Interesse also gar nicht. Dazu dürfte es auch noch einige Mitleser gegeben haben die ohne Twitteraccount mitgelesen haben.

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  3. Schöner Beitrag, ich hatte leider nicht genug Zeit, das Projekt zu verfolgen geschweige denn, Reaktionen zu beobachten. Ich hab auch erst gestern via Twitter davon erfahren und es weiterempfohlen. Ich glaube, so kurze Twitter-Projekte haben das Problem, dass sie erst viral werden können, wenn Follower/Leser sehen, dass sich die Weiterempfehlung wirklich lohnt. Die Idee an sich mag im Vorfeld schon interessant klingen, aber ich empfehle seltener gute Absichten, als gute Umsetzungen. Deshalb vielleicht erst die späte Verbreitung.

    Besser funktioniert hat das – und das widerlegt deine Vermutung im ergänzenden Kommentar – vor einem Jahr bei @joseph_von_naza (http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article13752900/Der-twitternde-Joseph-von-Nazareth.html). Die Weihnachtsgeschichte kann sich nämlich über einen ganzen Monat verbreiten und so auch erst Tage später von großen Medien vorgestellt werden – und das ganz ohne eine professionelle Redaktion dahinter.

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  4. Sylvia sagt:

    Na so langweilig wars nicht. Doch die Zeit damals war so spannend. Denn es war zumindestens für uns überhaupt nix klar. Denn wir haben immer wieder gedacht: Na lange bleibt das nicht so. Und wie bekommen wir so schnell Urlaub um „rüber“zu fahren. Einfach los . Kein Gedanke dran. Aber der Bammel war da, dass wieder dichtgemacht wird und wir haben’s nicht geschafft. Für Euch unvorstellbar. War halt so.

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  5. Anja Zeutschel sagt:

    @Torsten: Vielen Dank für deine schnelle und aufschlussreiche Antwort. Die Aktion mit der Waldorfschule genügt mir schon mal 😉 Meine Kritik war auch nicht böse gemeint, ich hoffe, das kam nicht so an. Ich find das Projekt klasse und hab Riesenrespekt vor den Leuten, die es gemacht haben! Ich weiß selbst, wieviel Arbeit in so was steckt!

    @ Jan: Da hast du wohl recht. Vielleicht gibt es dann beim nächsten Projekt mehr Aufmerksamkeit, weil sie es schon mal gut gemacht haben!? 😉 Und das mit dem Joseph von Nazareth klingt spannend. Danke dafür!

    @ Mama: Es war ja nicht so gemeint, dass dich das Ereignis an sich gelangweilt hat, sondern dass sich deine Begeisterung über das live verfolgen des Mauerfalls in Grenzen hielt, weil du es halt schon mal hautnah miterlebt hast. Ich fand, es war einfach Situationskomik pur 🙂

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  6. Nicole sagt:

    Ich finde das Projekt war eine Möglichkeit,um mit dem Einsatz von neuen Techniken Geschichte von einer andere Seite zu zeigen und speziell für junge Leute interessant zu machen.Schade war,das bsw. die Moderatorin Frau Merkel nicht in einem Alter damals war, um ihre eigenen Eindrücke zu schildern.Hier wäre es für den Zuschauer emotionaler gewesen,wenn man einen älteren Moderator genommen hätte.Am 9.November war auch ein weiteres geschichtliches Ereignis in Deutschland,was komplett in den Hintergrund gerückt wurde-die Pogromnacht 1938. Grundsätzlich denke ich,das es machbar ist,viele andere geschichtliche Ereignisse auf diese Weise neu zu beleuchten und mit Phantasie und Kreativität greifbar zu machen.

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  7. Nicole sagt:

    @Torsten: ich gebe dir Recht,das positiv besetzte Ereignisse einfacher zu händeln sind. Ich meinte damit auch nicht, das man bsw. die Pogromnacht anhand von Twitter greifbarer machen sollte. Aber aus medienpädagogischer Sicht denke ich,das mit dem Einsatz von neuen Medien auch dieses Thema bsw. anhand der Stolpersteine interessant angehen könnte. Das Magdeburger Museum hat da als Beispiel mal eine geschichtliche Schnipseljagd via Smartphone durch Magdeburg gemacht.Dieses Projekt fand großen Anklang bei den Teilnehmern.Allgemein wollte ich nur zum Ausdruck bringen,das es viele Möglichkeiten gibt,um Geschichte spannend zu gestalten.Welcher Einsatzmittel man sich dann schließlich bedient,sollte im jeweiligen Kontext betrachtet werden.

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  8. Martin sagt:

    Liebe Anja,
    ich war einer der Projektkoordinatoren des MDR und wollte mich erstmal für dein Lob bedanken . Das zeigt uns, dass wir mit dem Projekt die Leute, die wir erreichen wollten, auch erreicht haben. Das ist uns wirklich sehr, sehr wichtig! 🙂

    Was die Werbung im Vorfeld angeht: Es ist natürlich schwierig, für einen Twitter-Kanal zu werben, der nur einen Tag besteht. Anders als bei Langzeit-Twistory-Projekten wie @TitanicRealTime oder @RealTimeWWII hatten wir ja erstmal nichts vorzuzeigen, mit dem wir Werbung machen konnten. Dafür war die Medien-Resonanz sogar erstaunlich groß. Schon im Vorfeld gab es Artikel z.B. in MZ, Volksstimme, Rheinzeitung und sogar eine kurze (herrlich ironische!) Meldung in der ZEIT. Und am Tag selber berichteten dann u.a. süddeutsche.de und heute.de. Ich glaube also schon, dass wir das Möglichste getan haben, damit die Leute das Projekt auch wahrnehmen. Man darf ja auch nicht vergessen: Letztendlich hat das MDR-Landesfunkhaus Magdeburg natürlich nicht die ganz große mediale Schlagmacht.

    Deiner Aussage, dass die meisten Menschen nur einen Hinweis auf unser Projekt und keine eigenen Erfahrungen twitterten, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ich habe den ganzen Tag über alle Erwähnungen von @9Nov89live und #twitternwie1989 verfolgt und dabei eine Unmenge an persönlichen Geschichten und kreativen Ideen gefunden. Das hatten wir in dieser Form auch nicht erwartet. Und was den Punkt mit den Schulen angeht: Auch da sind wir bereits dran, waren (wie Torsten schon erwähnt hat) u.a. am Freitag auch bei einer Waldorfschule in Magdeburg (TV-Bericht dazu ab 2.05: http://www.mdr.de/sachsen-anhalt-heute/video88394.html) und veröffentlichen die Tweets unter einer freien Lizenz, so dass einer Nutzung durch Schulen auch später und ohne das unmittelbare „Live-Gefühl“ absolut nichts im Weg steht. Das ist ja das Tolle an „diesem Internet“. 😉

    Für uns war das Projekt auf jeden Fall ein großer Erfolg – auch, weil wir den Menschen zeigen konnten, dass sich ein Tanker wie der MDR doch bewegen kann. Und genau so wollen wir das übrigens auch in Zukunft weitermachen. 🙂

    Beste Grüße
    Martin

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  9. Nicole sagt:

    @Martin: es wäre schön, wenn du vielleicht bitte den Link von der Meldung in der ZEIT posten könntest! Danke schön!

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  10. Anja Zeutschel sagt:

    Auch wenn es etwas spät kommt, wollte ich mich noch ganz herzlich für die Antworten bedanken – gerade auch noch für die von Martin. Du hattest recht, ich habe voreilig eine Meinung gepostet, ohne alle Aspekte genau zu belegen. Umso toller fand ich diese Erfahrung, mal einfach etwas zu posten, was nicht komplett von mir durchdacht war (und was eigentlich auch sonst nie vollständig möglich ist), und damit Möglichkeit gab, Ergänzungen von einem Publikum zu erhalten. Ich hatte von anderen solcher Twitter-Projekten noch gar nichts gehört und fand es daher sehr aufschlussreich hier darauf hingewiesen worden zu sein. Das hat mich auch dazu animiert, für meine irgendwann mal anstehende Master-Arbeit ein online-geführtes Forschungstagebuch mitzudenken. Damit eben diese Prozesse des Hinweisens, Erweiterns und Ergänzens zu einer besseren, durchdachteren Studienabschlussarbeit beitragen können. Auch dafür vielen Dank!

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